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Karl Kautsky, Die moderne Nationalität, Die neue Zeit, 5. Jg. (1887), H. 9, S. 392–405; H. 10, S. 442–451.
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Kaum ein anderes Wort spielt im politischen Sprachschatz der Deutschen während der letzten Jahrzehnte eine solche Rolle, wie das Wörtchen „national“. Kaum ein anderes übte und übt eine solche Wirkung, wie dieses. Die Nationalliberalen wissen sehr wohl, warum sie an ihrem Namen festhalten, trotzdem derselbe, genau genommen, Kämpfern für die Souveränität der Nation, der Volkssouveränität, gebührt, die ihnen als der schrecklichste der Schrecken erscheint. Aber wenn sich die Sklavenhalter der Südstaaten in Amerika Demokraten nannten, warum sollten sich deutsche Stützen der Junkerherrschaft nicht Nationalliberale nennen? Mehr noch als das Wort „liberal“ hat das Wort „national“ einen bestechenden Klang. Und nicht nur in Deutschland allein. Unsere Nachbarn tun ihr Möglichstes, um in Bezug auf „nationale Gesinnung“ uns gleichzukommen, wenn auch der nationale Größenwahn nirgends so stark entwickelt sein dürfte, als in gewissen Kreisen Deutschlands. Das Komischste dabei ist, dass diejenigen, die prahlen, die deutsche Nation sei allen andern weit überlegen, dieselben sind, die erklären, dass die deutsche Nation von einer politischen Hilflosigkeit und Unreife sei, die ihres Gleichen suche, so dass sie zu Grunde gehen müsste, wenn man ihr auch nur den Schatten eines parlamentarischen Regimes gewährte.
Dass mit dem Wörtchen „national“ mancher Schwindel gedeckt wird, dass manches politische Resultat dem nationalen Geiste zugeschrieben wird, das durch ganz andere Faktoren erreicht worden ist, sicher. Durch derlei Erwägungen kommen wir aber nicht über die Tatsache hinweg, dass die nationale Idee auf die Völker der modernen Kultur einen kolossalen Einfluss übt, einen Einfluss, wie er sich durch bloß künstliche Machinationen nicht erklären lässt. Dass manche Parteien die nationale Idee für ihre Sonderzwecke ausnutzen und ihre Wirkung daher verstärken, so viel sie nur können, ist unleugbar. Aber wenn wir in solchem Gebären die Wurzeln der nationalen Idee suchen wollten, würden wir uns eines ähnlichen Irrtums schuldig machen, wie die, welche glauben, die sozialistische Bewegung sei das Produkt einiger „Agitatoren“, die sich von Arbeitergroschen mästen wollten. Für die nationale Idee sind Hunderttausende in den Tod gegangen, haben Unzählige Jahre und Jahrzehnte lang nicht nur gekämpft, sondern, was viel schwerer ist, gelitten, Verfolgungen und Ächtungen trog geboten. Sie hat einen zähen Opfermut, eine dauernde Begeisterung erweckt, wie sie durch Reden und Zeitungsartikel nicht hervorgerufen werden können.
Die nationale Idee ist kein Kunstprodukt der Zeitungsschreiber und Politiker. Ist sie vielleicht etwas von Natur Gegebenes? Ist die Zugehörigkeit zu einer Nation etwa ebenso bestimmt, wie die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Rasse? Eine nicht geringe Zahl unserer bürgerlichen Ideologen ist dieser Ansicht. Wie wenig sie begründet ist, hat uns Herr Dr. Lammer im Aprilheft der Neuen Zeit treffend dargetan. In der Tat, nichts Lächerlicher, als wenn etwa irgend ein Berliner Professor, der der Abstammung nach halb Slave, halb französischer Hugenotte ist, vielleicht mit etwas Beimischung „semitischen“ Blutes – denn wer kann heute bestimmt erklären, dass kein Tropfen von solchem in seinen Adern rinnt? – wenn ein solcher Mischling von „unseren Altvordern“ doziert, die unter Hermann dem Cherusker den Kampf gegen den „welschen Erbfeind“ aufnahmen, der bis heute noch andauert!
Wie wenig die Nationalität auf der Abstammung beruht, ersieht man schon daraus, dass eine Nation aus Angehörigen nicht nur verschiedener Volksstämme, sondern sogar verschiedener Rassen bestehen kann. In der ungarischen Nation finden sich „Arier“, „Semiten“ und Mongolen. Die anscheinend so scharf prononcierte jüdische Nationalität weist die verschiedensten Typen auf; selbst das Negerblut ist in ihr vertreten. Wer hat nicht schon den negerhaften Haarwuchs manches Juden bewundert! Notabene, die „Semiten“ sind weder eine bestimmte Nation, noch eine bestimmte Rasse, sondern eine Erfindung der Philologen, ein Gattungsname, der alten Völkern beigelegt ward, deren Sprache zur Familie der von Eichhorn sogenannten semitischen Sprachen gehörte, das heißt, bestimmte Eigentümlichkeiten aufwies. Nun sind aber solche Sprachen von Völkern der verschiedensten Abstammung angenommen worden und es kann heute noch kein Mensch mit Bestimmtheit sagen, welche Völker und wie weit sie dem Stamm angehören, den man als den semitischen bezeichnet. Wir tappen daher in Bezug auf die semitische „Rasse“ völlig im Dunkeln. Auch die Abstammungsverhältnisse der Juden sind keineswegs völlig aufgeklärt.
So lange die Blutsverwandtschaft das Band war, das die menschlichen Gesellschaften zusammenhielt, war die „Nation“ im heutigen Sinn des Wortes unbekannt. An Stelle von Nationen finden wir Stämme, die wieder in Gentes oder Sippen zerfallen. (Vgl. darüber Engels, Die Entstehung des Privateigentums, der Familie, des Staats) Die Zugehörigkeit zum Stamm und zur Gens hängt vom Verwandtschaftsverhältnis des Betreffenden ab, nicht von seiner Zugehörigkeit zu einem bestimmten Landbezirk. Sobald der Ackerbau in einem Stamm die vorwiegende Produktionsweise und dieser in Folge dessen sesshaft wurde, bestimmte natürlich die Zugehörigkeit zum Stamm, respektive zur Gens auch die Zugehörigkeit zu dem betreffenden Wohnsitz. Die kleinen Gemeinwesen, die sich in dieser Weise bildeten, die Markgenossenschaften, beruhten ursprünglich ebenso sehr auf der Gemeinsamkeit der Abstammung wie des Grund und Bodens, den sie bebauten.
Diese Gemeinwesen waren ebenso wie die nomadischen Stämme und Gentes vollkommen selbstgenügsam, von der Außenwelt ökonomisch unabhängig. Der gemeinsame Grundbesitz sowie die mit der Zeit in Privatbesitz übergehenden Gärten und Äcker lieferten die Lebensmittel, deren man bedurfte, Produkte des Feldbaus, der Viehzucht, Jagd und Fischerei, und die Rohprodukte, die innerhalb des Gemeinwesens von den einzelnen Familien oder von besonders dazu bestellten Handwerkern verarbeitet wurden, Holz, Wolle, Häute u. s. w. Von der Außenwelt bezog man kaum etwas anderes, als vielleicht hie und da einen Luxusgegenstand.
Die Folge davon war eine völlige Exklusivität der Markgenossenschaft. Nur selten, namentlich wenn übermächtige Gefahren drohten, verbanden sich verschiedene dieser kleinen Gemeinwesen zu gemeinsamem Handeln; der Bund zerfiel, sobald die Gefahr vorbei war. Von einer nationalen Einheit war keine Rede, nicht einmal von einer nationalen Sprache. Die wirtschaftliche Abgeschlossenheit begünstigte die Erhaltung und Bildung gesonderter Dialekte, ja besonderer Sprachen in den einzelnen Stämmen und Genossenschaften.
Deutsche Politiker und Gelehrte lieben es, über den „Individualismus“ des Deutschen zu klagen, der gerne seine Persönlichkeit über die Nation setzt und so die Zersplitterung und Uneinigkeit Deutschlands veranlasst hat, die sich von den Tagen Hermanns des Cheruskers an bis heute angeblich verfolgen lässt. Aber diese Zersplitterung der Nation ist keine Rasseneigentümlichkeit der Deutschen; sie findet sich bei jedem Völkerstamm, dessen ökonomische Entwicklung eine gewisse Grenze nicht überschritten hat. Und mit dem „Individualismus“ hat diese Erscheinung gar nichts zu tun, denn sie ist umso ausgeprägter, je stärker der Zusammenhalt der Gens und der Markgenossenschaft, je stärker der urwüchsige Kommunismus.
So lange die kleinen kommunistischen Gemeinwesen sich selbst genügten, so lange kein materielles Interesse bestand, welches sie zwang, sich enger an einander zu schließen, so lange war von einer Nation nicht die Rede.
Von den Faktoren, die einen solchen Zusammenschluss veranlassten, sind drei in erster Linie zu nennen, die teils einer für sich allein, teils mit einem oder den beiden anderen vereint in dieser Richtung gewirkt haben. Alle drei sind aber Folgen der Entwicklung der Produktionsweise: es sind dies einestheils die Übermacht auswärtiger Feinde, anderseits die Übermacht der Natur, denen beiden die kleinen Gemeinwesen in ihrer Vereinzelung nicht gewachsen waren; endlich als dritter, und zwar unseres Erachtens wichtigster Faktor ist zu nennen der Warenhandel und die Warenproduktion.
So lange ein Stamm noch nomadisch war, vorzugsweise Jagd und Fischerei oder Viehzucht betrieb, war die Notwendigkeit, sich mit anderen Stämmen zur Abwehr von Feinden zu verbinden, für ihn sehr gering. Er besaß kaum große Reichtümer, welche die Nachbarn anlocken konnten. Was ihn mit diesen in Konflikt brachte, waren Streitigkeiten um den Besitz von Jagdgründen oder Weideplätzen oder Fehden zur Rächung erschlagener Genossen, Kämpfe, an denen außer den beiden beteiligten Stämmen nur selten ein dritter ein Interesse hatte. Die Kämpfenden waren einander so ziemlich gleich an Ausrüstung und Tüchtigkeit, auch der Zahl nach nicht allzuverschieden, und wo wirklich ein Stamm auf eine Übermacht stieß, blieb ihm in der Regel die Möglichkeit, ihr auszuweichen, da er nicht an die Scholle gefesselt war.
Ganz anders, sobald der Ackerbau sich entwickelte und zur vorherrschenden Produktionsweise wurde. Die ackerbauenden Genossenschaften zogen aus den Waldgebirgen in die Flußebenen, wo der Boden fruchtbarer war; sie siedelten sich da an, ihr Wohlstand wuchs, die Bevölkerung verdichtete sich und die Zahl der Genossenschaften auf einem bestimmten Territorium nahm zu. Aber die Medaille hatte auch ihre Kehrseite. Der wachsende Wohlstand verlockte die wild gebliebenen unstäten Nachbarn zu Plünderungszügen, denen die sesshaften Bauern nicht ausweichen konnten. Das offene, flache Land bot geringere Schutzwehren, als die Waldgebirge geboten. Bei den wilden Nomaden waren die Übung in den Waffen, das Tummeln der Rosse oder die Befahrung des Meeres u. dergl. notwendige Erfordernisse ihrer Produktionsweise: der Landbau blieb bei ihnen den Weibern überlassen. Beim Bauer bedeuteten kriegerische Übungen eine Unterbrechung der Produktion; er konnte ihnen weniger Zeit widmen, als der Nomade, er war daher diesen gegenüber im Nachtheil.
Daher finden wir junge Bauernvölker so oft steten Angriffen räuberischer Nomaden ausgesetzt: was den Deutschen von den Hunnen, Avaren, Ungarn und Normannen widerfuhr, ist den Chinesen, Hindus, Ägyptern, Mesopotamiern bereits Jahrhunderte, ja Jahrtausende vorher in ähnlicher Weise widerfahren.
Solche Angriffe zwangen die bedrohten Markgenossenschaften, zusammenzustehen gegen den gemeinsamen Feind, und die vereinigten Aufgebote der wehrhaften Mannschaft einer gemeinsamen Leitung, einem Bundesfeldherrn, zu unterwerfen. Und wenn die Angriffe sich oft wiederholten, dann wurde der Bund ein ständiger und die Gewalt des Bundesfeldherrn erhielt sich auch im Frieden. Der Zusammenhalt der einzelnen Genossenschaften wurde ein festerer, der Verkehr zwischen ihnen ein lebhafterer, dadurch auch die Dialekte der einzelnen kleinen Gemeinwesen mehr uniformiert, ein Gefühl der Zusammengehörigkeit erwuchs, ein nationales Gefühl gegenüber dem Kantönligeist, eine nationale Sprache gegenüber dem Distrikt-Dialekt und eine nationale Zentralgewalt gegenüber dem genossenschaftlichen Partikularismus. Die Keime dessen, was wir Nationalität nennen, waren hiermit gegeben.
Fast noch stärker wirkte bei manchen Stämmen der zweite der erwähnten Faktoren, der gemeinsame Kampf gegen die Übermacht der Natur.
Als die bäuerlichen Stämme von den Waldgebirgen in die Flussebenen herabstiegen und sich dort ansiedelten, da wurden sie abhängig vom Wasser, vom Flüsse: dieser wurde der Gott, der Segen oder Verderben spendete, anscheinend ganz nach Willkür. Heute machte eine Überschwemmung alle Hoffnungen des Bauern zu Nichte, einige Monate später verbrannte die Dürre seine Felder. In der Hilflosigkeit nahm man zu Gebeten seine Zuflucht; aber die Erfahrung lehrte schließlich auch rationellere Mittel. Man fand eine gewisse Regelmäßigkeit in den Perioden der Dürre und der Überschwemmung und entdeckte auch, dass diese mit gewissen Stellungen der Gestirne im Zusammenhang standen. Man lernte aber auch durch Wasserbauten den Wasserstand regulieren. Solche Regulierungen erfordern aber ein planmäßiges einträchtiges Zusammenarbeiten der Flussanwohner: wie der Kampf gegen die auswärtigen Feinde erzeugte auch der Kampf gegen den Fluss eine Verbindung der einzelnen Markgenossenschaften, von denen jede ihre Aufgebote an Arbeitskräften unter das Kommando einer gemeinsamen Leitung stellte, einer Zentralgewalt. Auch auf diese Weise wurden Keime einer nationalen Gemeinschaft erzielt.
In Europa haben die Anfänge der Kultur sich nicht an so gewaltigen Strömen entwickelt, wie im Orient, auch treten da weder Überschwemmungen noch Dürren so gewaltsam auf, wie im letzteren – namentlich nicht in früheren Zeiten, als die Gebirge noch von Wäldern bedeckt waren, die den Wasserstand der Flüsse regulierten. Der gemeinsame Kampf gegen den Fluss hat daher vorzugsweise im Orient seine einigende Wirkung geübt; er scheint eine der wichtigsten materiellen Grundlagen der Entstehung der uralten Kulturstaaten daselbst gebildet zu haben. In der Sage sind noch Erinnerungen daran erhalten.
Als der Gründer des ägyptischen Reiches gilt Menes. Herodot berichtet, die ägyptischen Priester hätten ihm erzählt, Menes habe etwa hundert Stadien oberhalb Memphis dem Nil einen Damm vorgelegt und dadurch den Fluss, der vor dem an der libyschen Kette geflossen sei, gezwungen, sein altes Bett aufzugeben und mitten zwischen den beiden Bergreihen zu fließen. Nachdem dann das abgedämmte Land fest geworden, habe er hier die Stadt gebaut, welche heute (zu Herodots Zeit) Memphis heiße. Gegen Norden und Westen der Stadt aber habe Menes einen See ausgraben lassen und aus dem Flüsse gefüllt. Ein riesenhaftes Reservoir, das den Überschuss des Wassers zur Zeit der Überschwemmung aufnahm, um später, während der Trockenheit, die Äcker zu bewässern.
Auch der sogenannte See des Möris war nichts, als ein solches unermessliches Reservoir.
Ähnlich, wie in Ägypten, wird auch in China die Reichsgründung auf eine Flussregulierung zurückgeführt. Menzius, ein Nachfolger des Konfuzius, erzählt: „In der Zeit des Yao, als das Reich noch nicht zur Ordnung gebracht war, verursachten die Gewässer eine allgemeine Überschwemmung, indem sie ihre Kanäle verließen. Gewächse und Bäume sprossen üppig, es wimmelte von Vögeln und wilden Tieren. Die fünf Feldfrüchte wuchsen nicht empor; die Vögel und die wilden Tiere drängten den Menschen. Die durch die Fußstapfen der wilden Tiere bezeichneten Wege und die Fußspuren der Vögel kreuzten einander im Reich der Mitte ... Yu (der Reichsgründer) trennte die neun verschiedenen Arme des Ho, reinigte den Lauf des Tsi und den des Ta und leitete sie zum Meer. Er eröffnete einen Ausweg für den Ju und den Han, regelte den Lauf des Hwai und des Sz’, und leitete sie alle zum Kiang. Nachdem dies getan, war es für die Bewohner des Reiches der Mitte möglich, Nahrung für sich zu erhalten.“
Auch von den Reichen in den Flussebenen des Euphrat und Tigris sowie des Ganges wissen wir, dass ihre materielle Grundlage vornehmlich die Wasserregulirungsbauten waren, deren Instandhaltung die erste Pflicht eines jeden Herrschers war. Die Engländer haben diese Pflicht bis vor Kurzem völlig vernachlässigt: Hungersnot und Seuchen waren die Folge. [1] Die Herrschaft der Engländer beruhte nicht auf ihrer ökonomischen Unentbehrlichkeit, sondern auf ihrer militärischen Überlegenheit.
Der gemeinsame Kampf gegen den Fluss und der Kampf gegen den äußeren Feind haben oft gleichzeitig gewirkt, einer die Wirkung des andern verstärkend. Trotzdem haben beide Faktoren ein nationales Leben in unserem Sinne nicht zu schaffen vermocht, da sie beide die ökonomische Selbstgenügsamkeit der Dorfgemeinde oder Markgenossenschaft nicht untergruben und damit deren Exklusivität bis zu einem sehr hohen Grad fortbestehen ließen.
Das Ideal der Anarchisten ist die Föderation der autonomen Gemeinden.
Jede Gemeinde soll völlig unabhängig für sich wirtschaften; zur Durchführung größerer Arbeiten, denen eine Gemeinde (oder Gruppe) nicht gewachsen ist, soll sie sich mit anderen in freiwilliger Vereinigung zusammentun. Dies Ideal ist nicht eines der Zukunft, sondern der grauesten Vergangenheit, wie wir eben gesehen. Sein Resultat war aber nicht die ungemessenste persönliche Freiheit, sondern der orientalische Despotismus.
In der Tat, je öfter die Kämpfe gegen den auswärtigen Feind sich wiederholten, je gewaltiger die Arbeiten wurden, welche die Regelung der Bewässerung erforderte, desto mehr musste die Zentralgewalt [2] an Macht und Bedeutung gegenüber den vereinzelten Genossenschaften zunehmen. Die Leistungen an Arbeitern und an Naturalien zur Erhaltung der Arbeiter firixirten sich, so dass sie schließlich auch geleistet wurden, wenn die notwendigen Bauten sie nicht in vollem Maße notwendig machten. Gleichzeitig wuchs die Bevölkerung, die Zahl der Genossenschaften, da die Wasserbauten den Boden fruchtbarer machten. So kam es allmählig, dass die Leistungen der verbündeten Genossenschaften einen Überschuss an Arbeitskraft und Lebensmitteln ergaben, den die Zentralgewalt nach Gutdünken in ihrem Interesse verwendete. Sie selbst wurde dadurch von der Notwendigkeit der Arbeit befreit, eine Aristokratie, die sich, ihren Funktionen gemäß, namentlich aus Kriegern, Architekten und Astronomen zusammensetzte. Wie ungeheuer mitunter der Überschuss an Arbeitskraft und Lebensmitteln werden konnte, über die sie verfügte, steht man heute noch aus vielen ihrer Werke, z. B. den Pyramiden.
Diese Entwicklung vollzog sich natürlich nicht friedlich. Suchte die Zentralgewalt die Leistungen der einzelnen Genossenschaften so hoch als möglich hinaufzuschrauben, so umgekehrt diese, sie so viel als möglich herabzudrücken oder vielmehr sie auf dem gewohnheitsmäßigen Niveau zu erhalten. Aber an die Abschaffung der Zentralgewalt dachte Niemand; das hätte geheißen, das ganze wirtschaftliche Leben in Frage stellen.
Der ganze Charakter der Geschichte der orientalischen Kulturländer erklärt sich hieraus. Die einzelnen kommunistischen Dorfgemeinden leben jede für sich; ihre Produktionsweise ist seit Jahrtausenden immer dieselbe, daher auch ihre soziale Organisation dieselbe. In ewigem Einerlei leben die Bauern fort, entrichten ihre Frohnarbeiten, ihre Zehnten, wie ihre Väter getan, und kümmern sich nicht weiter darum, was mit ihren Leistungen geschieht, so lange diese nicht erhöht werden und die notwendigen Bauten im Stand bleiben. Mag der König oder Kaiser oder Sultan seiner Umgebung gegenüber sein, wie er will, blutdürstig oder mild, geizig oder verschwenderisch, liederlich oder aszetisch, das ist ihnen gleich. Wenn er aber die notwendigen Bauten verfallen lässt oder die Leistungen erhöht, dann werden sie rebellisch und wenn dann irgendwo ein Prätendent auftritt, strömen sie ihm zu und verhelfen ihm zum Thron.
Dies der Inhalt der orientalischen Revolutionen. Es handelt sich nicht um Regierungsformen, um die Erringung der politischen Macht seitens der unterdrückten Klasse, es handelt sich nur um die Person des Regenten, um ein Mehr oder Minder von Leistungen. Sein Amt selbst wird nicht in Frage gestellt. Es ist dies nicht Folge einer besonderen „knechtischen“ Sinnesart, sondern der ökonomischen Erfordernisse. Die Zentralgewalt ist unbedingt notwendig, soll die Produktion vor sich gehen können; sie ist aber ebenso notwendig eine despotische, unverantwortliche, wenn sie nicht an der Spitze einer einheitlichen Nation steht, sondern eines Konglomerats von Gemeinden, von denen die eine sich um die andere nicht kümmert, die „autonom“, nach anarchistischem Ideal völlig selbständig sind.
Nur nebenbei sei hier bemerkt, dass die alten Aristokratien, die Inhaber der Zentralgewalt – oft mit nur nomineller persönlicher Spitze – die Krieger- und Priesterkasten, wie sie, nicht immer sehr glücklich, genannt werden, dass diese einer ökonomischen Notwendigkeit ihre Entstehung verdankten, wie wir gesehen. Gewöhnlich erzählen uns unsere flachen „Kulturhistoriker“, und zwar mit einer Ausführlichkeit, als wären sie dabei gewesen, wie die ursprüngliche Gleichheit der Menschen eines schönen Tages dadurch gestört wurde, dass die Stärksten sich zusammentaten und sagten: Ihr müsst uns gehorchen, sonst schlagen wir Euch nieder, worauf dann die Klügsten sich zusammentaten und sagten: Lasst uns eine Religion erfinden, mit deren Hilfe wir das dumme Volk betrügen und ausbeuten können. Diese alberne „Geschichtsdarstellung“, die Unterschiede an Kraft und Intelligenz unter den „Gleichen“ voraussetzt, die nur die Folge langdauernder Ungleichheit sein können, ist jetzt mehrfach durch die Eroberungstheorie ersetzt worden. Diese erklärt die Entstehung der Klassenunterschiede dadurch, dass ein Stamm das Gebiet eines andern erobert, ihn unterjocht und so zur Aristokratie wird.
Dass die herrschende Aristokratie der orientalischen Despotien oft ein fremder, erobernder Stamm war und ist, unterliegt keinem Zweifel. Ein solcher Stamm konnte aber bloß erobern, was da war; er konnte sich der Zentralgewalt nur bemächtigen, wenn sie schon vorhanden war. Übernahm er diese Zentralgewalt und deren Funktionen, dann ließ das Volk sich seine Herrschaft ruhig gefallen, da ja im Wesentlichen nichts dadurch geändert wurde. Beide, die herrschende und die beherrschte Klasse, verschmolzen dann zu einer Nation, weil beide Theile eines einzigen wirtschaftlichen Organismus waren.
Wo aber der erobernde Stamm die Funktionen dieser Zentralgewalt nicht auf sich nahm, und nur nach dem Recht der Eroberung herrschen und ausbeuten wollte, da blieb er ein Fremder, gegen den man sich auflehnte, wo man nur konnte, der schließlich wieder weichen musste oder das Volk völlig zu Grunde richtete.
Die Ägypter haben zahlreiche Fremdherrschaften ruhig über sich ergehen lassen. Die Hyksos dagegen haben sie energisch bekämpft. Denn diese kamen zur Herrschaft in der Weise, wie unsere Historiker sich die Entstehung einer Aristokratie denken: Diese Beduinenschwärme brachen in Ägypter ein und behandelten es als erobertes Land. Sie beuteten es aus, aber der Aufgabe, es zu verwalten, waren sie nicht gewachsen. Daher der energische nationale Widerstand, der sie schließlich wieder zum Lande hinauswarf.
Ein nicht ganz gleiches, aber näher liegendes Beispiel bieten uns die Normannen. Jahrhunderte lang plünderten sie das christliche Abendland, das ihnen offen lag, ohne eine Herrschaft zu begründen. Sie mussten erst soweit zivilisiert sein, dass sie die Funktionen von Feudalherrn erfüllen konnten, ehe es ihnen gelang, sich zu Herrn der Länder aufzuzwingen, die sie ehedem nur geplündert (in nordwestlichen Frankreich und England). Von da an aber verschmolzen sie auch mit der einheimischen Bevölkerung zu einer Nation, hörten auf, Fremde zu sein.
Dass da, wo ein erobernder Stamm sich der Zentralgewalt bemächtigte, deren Unabhängigkeit und Absolutismus sich rascher und stärker entfalteten, als dort, wo sie bei einem der verbündeten Gemeinwesen blieb, ist nicht zu leugnen. Aber die Zentralgewalt wurde durch die bloße Tatsache der Eroberung nicht geschaffen.
Weit entfernt, sich als Fremde zu fühlen, sind diese Aristokratien mit ihren Anhängseln in den Kulturstaaten des Orient die Träger alles nationalen Lebens geworden, soweit ein solches überhaupt sich entwickelte. Sie haben die Beschränktheit der Markgenossenschaft überwunden, sie lernten sich als Herrn, aber auch als Vertreter der ganzen Nation fühlen. Sie schufen eine einheitliche nationale Sprache und Literatur, eine nationale Philosophie und Kunst. Aber diese Anfänge nationalen Lebens beschränkten sich stets auf einen kleinen Bruchteil des gesamten Volkes, auf die Aristokratie, auf die Bewohner des Sitzes der Zentralgewalt, auf die freie städtische Bevölkerung. Die Sklaven waren davon ausgeschlossen. Für den Bauer blieb aber nach wie vor die Markgenossenschaft, die Dorfgemeinde, seine Welt. Um ein nationales Leben im heutigen Sinne zu schaffen, dazu gehörte die Auflösung der Markgenossenschaft, die Schwächung aller wirtschaftlichen Organisationen, die zwischen dem Einzelnen und der Nation standen, so dass diese der für das wirtschaftliche Leben maßgebendste Organismus wurde.
Diese Auflösung der urwüchsigen Gemeinwesen wurde erreicht, sobald die Warenproduktion und der Warenaustausch eine gewisse Höhe erreicht hatten. Aber auch dann noch waren besondere Bedingungen notwendig, um die moderne Nationalität erstehen zu lassen.
Der Warenhandel musste bereits eine solche Ausdehnung angenommen haben, dass er eine eigene Klasse beschäftigte, die Kaufleute. Im Orient war das früher der Fall, als in Europa. Aber der Warenaustausch und die Waren entwickelten sich da vornehmlich an den Sitzen der Zentralgewalten, wo der Überschuss an Arbeitskräften und Nahrungsmitteln, das Mehrprodukt, das ihnen zu Gebot stand, den Luxus förderte. Ein Markt bildete sich für die Produkte der Handwerker, die dorthin zogen, und für auswärtige Produkte, die die Kaufleute brachten, wofür sie wieder Produkte des Landes mit sich nahmen. Der wachsende Reichtum des Sitzes der Zentralgewalt lockte plünderungssüchtige Nachbarn; aber die Baumeister der Zentralgewalt, denen unzählige Frohnarbeiter zur Verfügung standen, wussten den Markt durch Mauern zu befestigen. Dessen Schutz wieder förderte die Ausdehnung von Handel und Industrie, und lag die betreffende Stadt gar an einem Kreuzungspunkt von Handelsstraßen, dann wurde sie bald groß und mächtig.
Aber diese ganze Entwicklung war auf die Städte beschränkt, sie zog ihre Triebkraft aus der Ausbeutung des Volkes durch die Zentralgewalt. So wenig die Bauern sich darum kümmerten, wie diese das Mehrprodukt verwendete, das sie ihr lieferten, so lange sie nur ihre herkömmlichen Pflichten erfüllte, ebenso wenig berührte ihn die ökonomische Entwicklung, die aus diesem Mehrprodukt erwuchs. So finden wir in den alten orientalischen Reichen Handel und Industrie der Städte schon vor Jahrtausenden auf einer ungemein hohen Stufe – manche Zweige der Kunstindustrie Ägyptens sind heute noch kaum übertroffen – wir finden aber in denselben Staaten bis auf den heutigen Tag in der Landwirtschaft die urwüchsige kommunistische Genossenschaft, welchen Namen immer sie tragen möge, in voller Kraft, soweit sie nicht etwa den Wirkungen des europäischen Kapitalismus erlegen.
Anders wirkten Warenhandel und Warenproduktion in Europa. Da war keine übermächtige Natur, deren Bekämpfung eine übermächtige Zentralgewalt erforderte; keine überreiche Natur, die dem Bauer über seinem Bedürfnisse hinaus ein großes Mehrprodukt lieferte. Die Armut des Landes lockte nicht große Heerschaaren an, und wenn wirklich solche einfielen, dann gereichte ihnen ihre Menge bei der Enge und Dürftigkeit des Landes, wir haben da besonders Griechenland im Auge, mehr zum Verderben als zum Vorteil.
Die Elemente fehlten, welche in den Tälern der großen Ströme des Orients die mächtigen Despotien zusammengeschweißt und in deren Städten Handel und Industrie befruchtet hatten. Nur langsam entwickelten sich diese, gefördert durch den Verkehr mit dem Orient, aber wo im Abendland Warenhandel und Warenproduktion Wurzel fassten, da beeinflussten sie auch das ganze Volk, revolutionierten sie die ganze Gesellschaft.
So interessant es wäre, wir haben hier nicht die Aufgabe, zu verfolgen, wie diese Wirkung im klassischen Altertum sich gestaltete. Einestheils ist die betreffende Entwicklung in vielen Punkten parallel mit der späteren des Mittelalters, anderseits ist aber auch sie, ebenso wenig wie die im Orient, im Stande gewesen, ein nationales Leben im vollen Sinne des Wortes zu schaffen. Wohl hat sie im Abendland die urwüchsige Genossenschaft vernichtet, damit aber auch die Gesellschaft überhaupt, da sie nicht im Stande war, eine neue Grundlage derselben zu erzeugen. In demselben Maße, in dem die kommunale Beschränktheit des Altertums überwunden wurde, hörte auch die Gesellschaft immer mehr auf, ein lebender Organismus zu sein; sie wurde ein Kadaver, dessen Fäulnisprozess in der Kaiserzeit vor sich geht. Die Sklaverei blieb und damit war der Arbeiter ausgeschlossen von der Nation. Diese schrumpfte zusammen – wenn man da noch von Nation reden kann – zu einer Bande von Ausbeutern, hohem und niederem Gesindel, Lumpenproletariern und Geldprotzen.
Ganz anders war das Ergebnis der Entwicklung im Mittelalter. Aus ihr ist die moderne Nationalität hervorgegangen. Wir wollen sie daher etwas näher betrachten.
Die Grundlage des Feudalismus bildete die bäuerliche und handwerksmäßige Produktionsweise in der Markgenossenschaft, die ebenso autonom, wirtschaftlich selbständig und exklusiv war, wie z. B. die indische Dorfgemeinde. Auch die mittelalterliche Stadtgemeinde ist aus der Markgenossenschaft erwachsen.
Wie im Orient, wurden auch im mittelalterlichen Abendland diese kleinen Gemeinwesen zu großen „Staaten“ vereinigt durch den gemeinsamen Kampf gegen äußere Feinde, zum Theil auch gegen die Natur. Indes war die Wirkung dieser Faktoren schwächer, als im Orient, auch wurde die Entwicklung durch zahlreiche andere Einflüsse, namentlich die römische Unterlage der neuen Staaten, vielfach kompliziert. Es bildete sich keine so stramme Zentralgewalt, wie im Orient, und das Mehrprodukt, das die herrschenden Klassen für ihre Funktionen – Entlastung der Bauern vom Kriegsdienst und von Verwaltungsgeschäften – einsteckten, war kein so bedeutendes. Nur langsam förderte es das Erstehen des Handels mit Italien, dann mit Byzanz und dem Orient, sowie das Erstehen einer handwerksmäßigen Warenproduktion.
An den Höfen der weltlichen Großen und an den Bischoffsitzen, sowie an gewissen Knotenpunkten, z. B. wo die Straßen aus den Alpenpässen den Rhein oder die Donau erreichten, an geschützten Häfen im Innern des Landes, die den wenig tiefgehenden Seeschiffen doch noch erreichbar waren, wie Paris und London, bildeten sich Stapelplätze von Waren, die, so unbedeutend sie uns auch heute erscheinen mögen, doch die Gier der Umwohner, namentlich der Feudalherrn, und auch äußerer Feinde, Ungarn, Normannen u. s. w. erregten. Es wurde notwendig, sie zu befestigen. Damit war der Anfang zur Entwicklung der Stadt aus einem Dorfe gegeben.
Aber auch nach der Ummauerung blieben die Landwirtschaft und die Produktion für den Selbstgebrauch überhaupt im Rahmen der Markgenossenschaft die vorwiegende Beschäftigung der Bewohner des befestigten Ortes. Der Handel war zu geringfügig, dessen Charakter zu beeinflussen. Die Städtebürger blieben ebenso lokal borniert und exklusiv, wie die Dorfbauern.
Aber neben den alten, vollberechtigten Geschlechtern der Markgenossen entstand bald eine neue Macht, die der Handwerker, die sich in Genossenschaften nach dem Muster der Markgenossenschaft, in Zünften, organisierten.
Das Handwerkertum nahm an Einfluss und Zahl zu; aber es blieb zum großen Theil ausgeschlossen von der Markgenossenschaft und damit vom Stadtregiment; dies blieb den Nachkommen der ursprünglichen Markgenossen überlassen, die aus kommunistischen Bauern zu hochfahrenden Patriziern wurden. Ein Klassenkampf zwischen den Zünften und Geschlechtern entspann sich, der in der Regel mit dem Siee der ersteren endete. Gleichzeitig damit ging ein Kampf um die Selbstständigkeit der Stadt von den feudalen Herrn vor sich, der oft zu ihrer Unabhängigkeit führte.
Die Städte waren stark genug geworden, um des Schutzes und der Verwaltung der Feudalherrn entbehren zu können; sie wurden es müde, diesen Abgaben für Funktionen zu entrichten, die sie selbst und besser besorgen konnten. Während die germanische bäuerliche Markgenossenschaft in ihrem Verhalten gegen die Staatsgewalten vielfach der orientalischen Dorfgemeinde sich ähnlich erwies, finden wir in den Städten, in denen das zünftige Handwerkertum überwog, einen ganz anderen Geist, einen republikanischen Zug, den das Kleinbürgertum seitdem nicht wieder völlig verloren hat. Die Keime eines nationalen Lebens regten sich, denn den Städten war es keineswegs gleichgültig, wie die Großen des Landes die Regierungsgeschäfte besorgten. Sie versuchten bereits, auf diese Einfluss zu nehmen, was der bäuerlichen Markgenossenschaft völlig fern lag.
Aber die frühere Exklusivität der Markgenossenschaft wurde doch nicht überwunden, sondern nur auf einem erweiterten Terrain zur Geltung gebracht: nicht die Nation, sondern die Gemeinde stand dem Zunftbürger in erster Linie.
Allerdings sprengte die handwerksmäßige Warenproduktion die Abgeschlossenheit der städtischen Markgenossenschaft. Die Handwerker arbeiteten nicht bloß für die Stadt, sondern auch für das umliegende Gebiet, oft in weitem Umfang; nicht so sehr für die Bauern, die fortfuhren, fast Alles, was sie brauchten, selbst herzustellen, als für deren Ausbeuter, die Feudalherrn, deren hörige Handwerker sich meist in die Stadt geflüchtet hatten und ihnen abhandengekommen waren. Anderseits bezogen die Handwerker ihre Lebensmittel und Rohstoffe vom flachen Land. Die wirtschaftliche Wechselwirkung, aber auch der Gegensatz zwischen Stadt und Land begann. An Stelle der Markgenossenschaft trat als wirtschaftliche Einheit immer mehr die Stadt mit einem größeren oder kleineren Landgebiet. Die Abschließung der einzelnen Städte voneinander blieb aber bestehen, wenn auch manche derselben sich dauernd oder zeitweise verbanden, um einen gemeinsamen Zweck zu erreichen.
Immer mächtiger und unabhängiger wurden die Städte; es schien einen Moment, als sollte sich ganz Europa in ein Konglomerat von Städterepubliken verwandeln. Diese Tendenz ist jedoch nur in geringem Maße zum wirklichen Ausdruck gekommen, denn innerhalb einzelner Städte entwickelte sich eine neue Macht, welche die modernen Nationen aus den einzelnen Städten und Gauen zusammenschweißen sollte: Die revolutionäre Macht des Großhandels.
Der überseeische Handel mit dem Orient, besonders mit Konstantinopel und Ägypten, entwickelte sich in Europa zuerst in Unteritalien. Was die Kaufleute den Barbaren Europas aus den alten Kulturländern des Orients brachten, dünkte diesen unermesslicher, feenhafter Reichtum. Die Gier, solchen zu besitzen, zu erwerben, erfasste bald alle herrschenden Klassen Europas. Sie hat mächtig beigetragen zu jenen Plünderungs- und Eroberungszügen nach dem Morgenland, die unter dem Namen der Kreuzzüge bekannt sind; sie hat aber auch in allen geographisch günstig gelegenen Städten das Streben erweckt, Theil zu nehmen an dem so gewinnreichen Handel. Zunächst in Nord-italien.
Je mehr der Handel sich entwickelte, eine desto größere Macht wurde das Geld. Geld war die Waare, die jeder nahm und jeder brauchte, für die man Alles erhalten konnte. Die Geld erwerbenden, Waren produzierenden oder mit Waren handelnden Klassen gelangten immer mehr zu Bedeutung. Und der Zunftmeister, der durch die beschränkte Anzahl seiner Gesellen nur zu mäßigem Wohlstand gelangen konnte, wurde bald überholt durch den Kaufmann, dessen Profitwut maßlos, dessen Kapital unbegrenzter Ausdehnung fähig und, was für ihn nicht das Unangenehmste, dessen Handelsgewinne enorme waren.
Das Kaufmannskapital ist die revolutionäre ökonomische Macht des 14., 15. und 16. Jahrhunderts. Mit ihm gelangt neues Leben in die Gesellschaft, neue Anschauungen erwachen: die moderne Nationalität wird geboren.
Im Mittelalter finden wir auf der einen Seite bornierten Partikularismus und Kleinstaaterei, auf der anderen Seite einen Kosmopolitismus, der den Bereich der ganzen abendländischen Christenheit umfasste. Das nationale Bewusstsein war dagegen sehr schwach.
Der Großkaufmann kann sich nicht auf einen kleinen Bezirk beschränken, wie der Bauer oder der Handwerker. Die ganze Welt muss ihm womöglich offenstehen; immer weiter strebt er, immer weitere Märkte sucht er zu erschließen. Im Gegensatz zum Zunftbürger, der oft sein ganzes Leben lang nicht das Weichbild seiner Stadt überschritt, sehen wir den Kaufmann rastlos nach unbekannten Gegenden drängen. Er überschreitet die Grenzen Europas und inauguriert ein Zeitalter der Entdeckungen, das in der Auffindung des Seewegs nach Indien und der Amerikas gipfelt, das aber, strenge genommen, heute noch fortdauert. Auch heute noch ist der Kaufmann und nicht der wissenschaftliche Forscher die Triebkraft der meisten Entdeckungsreisen.
An Stelle der Fesselung an die Scholle setzte der Handel einen Kosmopolitismus, der sich überall wohlfühlt – wo es etwas zu verdienen gibt. Gleichzeitig aber setzte er der Universalität des Mittelalters, die in der katholischen Kirche zum Ausdruck gelangte, die Nationalität entgegen. Der Welthandel erweiterte den Gesichtskreis der abendländischen Völker weit über den Bereich der katholischen Kirche hinaus und verengte ihn gleichzeitig auf das Gebiet der eigenen Nation.
Das klingt paradox, ist aber leicht zu erklären. Die kleinen, selbstgenügsamen Gemeinwesen des Mittelalters standen nur wenig, wenn überhaupt, in einem wirtschaftlichen Gegensatz zu einander. Die Außenwelt war ihnen ziemlich gleichgültig, so lange sie von ihr in Ruhe gelassen wurden.
Der Großkaufmann eines Gemeinwesens begegnet dagegen auf dem Weltmarkt der Konkurrenz, der Gegnerschaft der Kaufleute anderer Gemeinwesen. Es steht ferner der Käufer in einem Interessengegensatz zum Verkäufer, beide sind aber auf dem Weltmarkt in der Regel verschiedener Herkunft. Der Handelsprofit entspringt aber daraus, dass man so billig als möglich kauft, so teuer als möglich verkauft; er wird umso höher für den einen Kontrahenten, unter sonst gleichen Umständen, je günstiger seine Position gegenüber dem andern. Die Macht, die hinter ihm steht, ist da kein gleichgültiges Ding.
Ein Beispiel wird das klar machen. In Konstantinopel trafen venezianische und genuesische Käufer mit griechischen Verkäufern zusammen. Je mächtiger Venedig war, desto größere Handelsprivilegien erlangte es in Konstantinopel, desto besser wurde die Position der venezianischen Kaufleute gegenüber den griechischen sowohl als auch gegenüber den genuesischen: gegenüber den ersteren als Verkäufern oder Käufern, gegenüber den letzteren als Konkurrenten.
Die Interessengegensätze auf dem auswärtigen Markt wurden zu nationalen Gegensätzen, sie erzeugten aber auch das Streben nach nationaler Einheit und Größe. Je größer, je mächtiger das Vaterland, die Nation, desto mächtiger der Kaufmann im Ausland, desto größer sein Profit.
Heute noch ist der Chauvinismus nirgends größer, als unter den Kaufleuten im Auslande. Und die deutschen Kaufleute stehen, soweit unsere Erfahrungen reichen, in dieser Beziehung obenan. Die auswärtigen Korrespondenzen der „Kölnischen Zeitung“ geben eine ungefähre Idee von dem Geist, der in den deutschen „Kolonien“ von Paris, London etc. herrscht. Übrigens hat der deutsche Kaufmann alle Ursache, „national“ zu sein. Während er früher auf dem Weltmarkt eine höchst traurige Figur spielte, die selbst die südamerikanischen Republiken zu schuhriegeln sich erlaubten, ist er seit der Herstellung des deutschen Reichs eine respektable Person geworden, der man es nicht mehr wagt, Knüppel zwischen die Beine zu werfen und die unter dem Schutz günstiger Handelsverträge arbeitet. Kaum einer Klasse dürfte die „nationale Einheit“ solche Vorteile gebracht haben, wie dem deutschen Kaufmann.
Durch die Entwicklung des Welthandels entstand somit ein mächtiges ökonomisches Interesse, welches die Staaten aus einem lockeren Gefüge von Gemeinden zu einer festen Einheit konsolidierte, gleichzeitig aber auch ihre Abschließung voneinander und damit die Spaltung der Christenheit in mehrere schroff voneinander gesonderte Nationen begünstigte.
Nachdem einmal der Welthandel erstanden, trug der Binnenhandel nicht weniger zur Bildung der Nationalstaaten bei.
Der Handel strebt naturgemäß danach, sich in größeren Stapelplätzen zu konzentrieren, Knotenpunkten, in denen die Straßen eines größeren Gebietes zusammenlaufen. Dort sammeln sich die Waren des Auslandes, um von diesem Zentralpunkt aus über das ganze Land durch ein weitverzweigtes Netz von Straßen und Wegen verbreitet zu werden. In demselben Knotenpunkt sammeln sich die Waren des Inlands, um von da nach dem Ausland zu wandern. Das ganze Gebiet, das ein solcher Stapelplatz beherrscht, wird ein wirtschaftlicher Organismus, dessen Zusammenhang umso enger, dessen Abhängigkeit vom Zentralpunkt umso stärker wird, je mehr die Warenproduktion sich entwickelt und die Produktion für den Selbstgebrauch verdrängt.
Aus allen Gegenden des vom Zentralpunkt beherrschten Gebiets strömen die Menschen in jenem zusammen; die Einen, um dort zu bleiben, die Anderen, um nach verrichtetem Geschäft wieder heimzukehren. Der Zentralpunkt wächst, er wird zu einer Großstadt, sondern auch das davon abhängige geistige Leben konzentriert. Die Sprache der Stadt wird die Sprache der Kaufleute und Gebildeten, sie verdrängt die Sprache der universalen Kirche, das Lateinische, sie verdrängt aber auch die Dialekte; eine Nationalsprache bildet sich, eine nationale Literatur und Kunst.
Die Staatsverwaltung passt sich der ökonomischen Organisation an. Auch sie wird zentralisiert, die politische Zentralgewalt nimmt ihren Sitz im Mittelpunkt des wirtschaftlichen Lebens und dieser wird zur Hauptstadt des Landes, das er jetzt nicht nur ökonomisch und intellektuell, sondern auch politisch beherrscht.
Die ganze Entwicklung wird beschleunigt in dem Maße, in dem das Kapital sich nicht nur des Warenhandels sondern auch der Warenproduktion bemächtigt. Erst unter der Herrschaft der kapitalistischen Produktionsweise verschwindet die Produktion für den Selbstgebrauch bis zur Unbedeutendheit, wird die Warenproduktion die allgemeine Form der Produktion. Gleichzeitig mit der Produktion für den Selbstgebrauch verschwinden aber auch immer mehr die gesellschaftlichen Organisationen, innerhalb deren sie vor sich ging, die Markgenossenschaft, die patriarchalische Familie, indes das materielle Gedeihen jedes Einzelnen immer mehr und immer fühlbarer vom Gedeihen, von der Macht und Größe der gesamten Nation abhängig wird.
An Stelle der Hausindustrie der Bauern für den Selbstgebrauch tritt die Hausindustrie im Sold des Kapitalisten für den nationalen und internationalen Markt. Auch in der Landwirtschaft nimmt die Warenproduktion überhand. Je mehr die Industrie blüht und sich entwickelt, je weniger Schranken im Innern der Nation den Handelsverkehr hemmen, je größer die Ausfuhr, je günstiger die Handelsverträge, je höher die Profite der Kapitalisten, desto höhere Preise erzielt der Bauer für seine Waren, desto mehr werden sie gesucht, Korn, Fleisch, Wein, Häute, Flachs u. s. w. Auch der Bauer erhält damit ein Interesse an der Einheit und Größe der Nation.
Gleichzeitig mit der Feudalität und der Markgenossenschaft erstirbt auch das Ritterheer. Die Infanterie wird wieder die Hauptwaffe. Das Heer wird wieder ein Bauernheer, zunächst ein Heer von freigesetzten Bauern, von Landsknechten, aber bald holen die Werber den Bauer auch vom Pflug. So wird der Bauer in die Kämpfe um die Einheit und Größe der Nation hineingezogen. Die fürstlichen Höfe und die Städte leiten diese Kämpfe, die so oft als dynastische oder Handelskriege in Erscheinung treten, der Bauer hat die Suppe auszuessen, die sie einbrocken. In der Einheit der nationalen Armee schleift der Bauer seine lokalen Eigentümlichkeiten ab, auf dem Schlachtfeld saugt er den Hass gegen die feindlichen Nationen ein.
So wird der Bauer immer mehr in das nationale Leben hineingedrängt, dieses bleibt nicht auf die Stadt beschränkt.
Und auch die niedrigste Schicht der arbeitenden Bevölkerung bleibt nicht vom nationalen Leben ausgeschlossen: Diese Schichte wird nicht mehr von Sklaven gebildet, lebenden Waren, sondern von freien Proletariern. Die kapitalistische Produktionsweise konnte nicht gedeihen, wenn ihr nicht Arbeiter zur Verfügung standen, die frei über ihre Arbeitskraft verfügen konnten, ungehemmt von den Schranken der Hörigkeit und des Zunftzwangs, frei im juristischen Sinne, freilich aber durch die Noth gezwungen, sich dem Kapital zu verkaufen.
Soweit es sich um den Gegensatz zur alten Feudalwirtschaft und zum Feudalstaat handelte, waren die Interessen des Proletariats dieselben, wie die der Bourgeoisie. Die Fesseln, welche die Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise hemmten, waren bis zu einem gewissen Punkte auch Fesseln für den Lohnarbeiter, die ihn hinderten, seine Arbeitskraft so vorteilhaft als möglich loszuschlagen. Je rascher die kapitalistische Industrie sich entwickelte, je mehr Märkte im Inland und Ausland ihr eröffnet wurden, desto mehr stieg die Nachfrage nach Lohnarbeitern, desto besser die Aussicht auf hohe Löhne: namentlich galt dies unter dem Manufaktursystem, wo die Maschine eine kaum nennenswerte Rolle spielte und so gut wie gar nicht Arbeiter entbehrlich machte. Jede Hemmung des Verkehrs im Inland oder der Ausfuhr, jeder ungünstige Handelsvertrag, alles, was die Einheit und Größe der Nation schwächte, beeinflusste auch die Lage des Arbeiters in ungünstiger Weise; und umgekehrt, jeder Fortschritt der Einheit und Größe der Nation bedeutete auch einen Fortschritt der Arbeiterklasse.
In Folge besonderer Umstände haben die englischen Arbeiter sich dem Ausland gegenüber noch vor Kurzem solidarisch mit den englischen Kapitalisten gefühlt und daher eine stark exklusive nationale Politik verfolgt. So lange die Bourgeoisie eine revolutionäre Klasse war, galt dies allgemein.
Das moderne Proletariat rekrutiert sich vornehmlich aus der Bauern- und der Handwerkerklasse. Aber mit der Loslösung von der Scholle oder aus dem Zunftverhältnis verschwinden auch die beschränkten lokalen Interessen, die den Partikularismus des Bauern und des Handwerkers erzeugen. Der Bauer und der Zunftbürger verlieren jeden Boden unter den Füßen außerhalb ihrer Gemeinde. Von ihnen gilt das Sprichwort: Bleib’ in der Heimat und nähre dich redlich. Der Proletarier dagegen, vor Allem der besitzlos gewordene Bauer, hat gerade die schlechtesten Aussichten, wenn er in der Heimatsgemeinde bleibt. Das ganze Gebiet der Nation muss ihm offenstehen, bei seinem Bestreben, Arbeit zu suchen, wenn er seine Arbeitskraft so hoch als möglich verkaufen will. So macht, abgesehen von allen anderen Umständen, schon das Bedürfnis nach Freizügigkeit das Proletariat zu einer Klasse, deren Existenzbedingungen ebenso wie die der Bourgeoisie die nationale Einheit fordern. Das Sklaventum des Altertums hat keine auch im entferntesten ähnliche Erscheinung aufzuweisen.
So entsteht allmählig die moderne, alle Klassen des Volkes umfassende Nationalität in Folge der ökonomischen Entwicklung seit dem 14. Jahrhundert. Sie ist ein Kind der kapitalistischen Warenproduktion und des Warenhandels und demnach sind es auch im Wesentlichen die Verkehrsverhältnisse, die ihre Ausdehnung und Formung bestimmen.
Eines der Elemente, welches die Ausdehnung einer Nation bestimmen, ist natürlich das geographische, z. B. unwegsame Bergzüge oder reißende Flüsse erschweren die Vereinigung der urwüchsigen Genossenschaften zu einer Nation; ein schiffbarer Fluss mit seinen Nebenflüssen fördert dagegen die Vereinigung der in seinem Gebiet gelegenen Gemeinwesen sehr. Wo sich eine Nation oder doch der Kern einer solchen gebildet hat, da wird neben der Handelsgeographischen auch die militärische Lage des Landes und seiner Hauptstadt von Wichtigkeit. Die Gestaltung der Grenze in einer Weise, dass die Verteidigung des eigenen Gebiets wie der Angriff auf den Nachbar möglichst erleichtert wird, ist eine wichtige Sorge für jede moderne Nation. Einer der wichtigsten Gründe, warum die Franzosen den Besitz des Elsass nicht verschmerzen können, ist der Umstand, dass der Rhein und die Vogesen die einzigen natürlichen Verteidigungsmittel von Paris gegen einen Angriff von Osten bilden. Künstliche Festungen bilden nur einen notdürftigen Ersatz einer solchen natürlichen Barrière.
Und wenn Italien ein viel heißeres Begehren nach dem Trentino hegt, als nach Korsika, Savoyen und dem Tessin, und nicht bloß nach den italienischen, sondern auch nach den deutschen Theilen von Südtirol ein Gelüste trägt – für manchen Italiener reicht das „unerlöste Italien“ bis zum Brenner –, so deswegen, weil das Trentino die vorteilhafteste Angriffsstellung gegen die reichsten und industriellsten Theile Italiens bietet, einen wahren Pfahl im Fleisch von Norditalien bildet.
So ist es gekommen, dass Nationen Gebiete annektierten, deren Bewohner keineswegs nach der Annexion verlangten, in keiner ökonomischen Interessengemeinschaft mit der erobernden Nation standen. Aber sehr oft erwuchs aus der politischen Vereinigung eine ökonomische; dann ging das eroberte Gemeinwesen in der erobernden Nation auf.
Der wichtigste Faktor bei der Gestaltung der Nationen wurde jedoch derjenige, der das unentbehrlichste Verkehrsmittel darstellt, die Sprache. Ohne Verständigung, also ohne Sprache, ist eine gesellschaftliche Produktion unmöglich. Und je komplizierter, je ausgedehnter, je stetiger das Produktionssystem, desto unentbehrlicher wird die Sprache für den Fortgang der Produktion, desto ausgedehnter das Gebiet, das einer einheitlichen Sprache bedarf, desto mannigfacher und reicher der Wortschatz für gewisse Gebiete – für andere kann er freilich gleichzeitig sehr erhebliche Einschränkungen erleiden.
Die Verschiedenheit der Sprache bildet eines der größten Hindernisse gesellschaftlichen Verkehrs, gesellschaftlicher Produktion. Warenhandel und Warenproduktion mussten also von vornherein am leichtesten solche Gemeinwesen zu einer Nation vereinigen, die gleiche oder ähnliche Sprachen redeten, deren Mitglieder sich ohne Mühe miteinander verständigten. Jeder zieht es naturgemäß vor, mit denen zu arbeiten und überhaupt ökonomische Verbindungen einzugehen, mit denen er sich verständigen kann. In demselben Maße, in dem die moderne ökonomische Entwicklung voranschritt, musste daher das Bedürfnis für Alle, die eine gleiche Sprache redeten, entstehen und wachsen, zu einem gemeinsamen Staatswesen zusammengefasst zu werden; das Bedürfnis nach Niederwerfung der Schranken, welche die Gleichredenden trennten, das Verlangen nach Trennung von solchen, mit denen ein Verkehr unmöglich oder schwer, die eine andere Sprache redeten.
Einflüsse der verschiedensten Art haben zusammengewirkt, die modernen Nationen zu bilden, Einflüsse, die einander bald durchkreuzten, bald aufhoben, bald verstärkten. Keine der modernen Nationen ist in genau derselben Weise zu Stande gekommen, wie die andere, aber jede von ihnen ist das Produkt der gleichen ökonomischen Entwicklung, des kapitalistischen Warenhandels, der kapitalistischen Warenproduktion. Wohl umfasst die moderne Nation im Unterschied zu den antiken und orientalischen Nationen alle Klassen der Bevölkerung, indes bei diesen die Sklaven und meist auch die Bauern vom nationalen Leben ausgeschlossen und ohne Interesse für deren Größe und Einheit waren. Trotzdem aber ist die moderne nationale Idee im Wesentlichen eine bürgerliche Idee. Das moderne Bürgertum und die moderne Nationalität sind demselben Boden entsprossen, die Entwicklung des Einen förderte die der Anderen und umgekehrt. Und die Rolle, welche die nationale Idee spielt, entspricht so ziemlich der Rolle, die die Bourgeoisie annimmt.
So lange diese revolutionär war, galt der Kampf für die
nationale Größe und Einheit als ein Kampf der höchsten
Selbstlosigkeit, ein Kampf, der Tausende von begeisterten Helden
schuf, die freudig für ihre Idee litten und starben, ohne Lohn
zu erwarten und zu begehren. Heute ist die nationale Idee der
Deckmantel für die faulsten Profithaschereien und Sterberaten
geworden. War ehemals der Wahlspruch der nationalen Bourgeoisie:
Alles für die Nation, so lautet er heute: Alles von
der Nation, Die ökonomische Grundlage der nationalen Idee
ist jetzt offen zu Tage getreten.
Die klassische Form des modernen Staates ist der Nationalstaat. Aber die klassischen Formen sind in der Regel nur der Tendenz nach vorhanden, selten völlig rein entwickelt. So wie die klassische Form der modernen Produktionsweise die kapitalistische Großindustrie ist, neben der aber noch zahlreiche Reste früherer Produktionsformen existieren, so gibt es heute auch noch keinen reinen Nationalstaat, keinen Staat, der die gesamte Nation umfasste oder nicht daneben noch, ganz oder bruchstückweise, andere Nationen. Weder die Bildung der Nationalstaaten ist abgeschlossen noch auch die der Nationen selbst.
Indessen gibt es in Europa nur wenige Staaten, die nicht auf der Grundlage der Nationalität beruhen; und diese wenigen sind keine modernen Staaten: die Bauernrepublik Schweiz, die gar keine Hauptstadt hat, ebenso wenig wie die habsburgische Monarchie oder das Zarenreich.
Was die Länder Österreichs zu einem Ganzen vereinigte, das war nicht die ökonomische Entwicklung. Diese Länder haben nie ein einheitliches Wirtschaftsgebiet gebildet. Was sie zwang, sich fest aneinanderzuschließen, das war der Ansturm der Osmanen seit dem 15. bis in das 17. Jahrhundert, der sie alle bedrohte, Südslaven, Ungarn, Tschechen, Südostdeutsche. Sie waren verloren, wenn sie nicht ihre Kräfte gegen den gemeinsamen Führer stellten: unter die Habsburger. Diese wurden die Vorkämpfer Europas gegen den Halbmond. Wenn sie unterlagen, dann war vor Allem Deutschland bedroht, namentlich Süddeutschland. Vor Franzosen und Schweden hatten die deutschen Fürsten längst nicht solche Angst, wie vor den Türken. Die Fernhaltung der letzteren wurde die letzte wirkliche Funktion der deutschen Kaiser, die Einzige, die ihnen die landesherrlichen Gewalten noch übrigließen. So kam es, dass die deutsche Kaiserwürde bei den Habsburgern erblich wurde.
Mit dem Schwinden der Türkengefahr im vorigen Jahrhundert erlosch die letzte Funktion des römischen Kaisers deutscher Nation. Die französische Revolution machte diesem wie manchem andern Schatten ein Ende. Das Aufhören der Türkengefahr löste aber auch das Band, das Österreichs Länder zusammengehalten, und die zentrifugalen Tendenzen begannen dort sich zu entwickeln. Etwas abgeschwächt wurden sie durch das Auftreten eines neuen gemeinsamen Feindes, des zaristischen Russentums, des Panslavismus. Zwei Völkerbestandteile Österreichs fühlten und fühlen sich vor Allem durch diesen bedroht, die Polen und die Ungarn. Diese beiden sind denn auch die staatserhaltenden Elemente in Österreich geworden, und so ist es kein Wunder, dass sie jetzt die Monarchie beherrschen.
indes wird der Panslavismus auch nicht ewig dauern. Das Ziel dieser angeblich „nationalen“ Bewegung, die die Unterwerfung der ganzen Slawenwelt unter den Zarismus anstrebt, ist mit einem wirklichen nationalen Leben der einzelnen slavischen Völkerschaften unvereinbar. Sowie der orientalische Despotismus beruht auch der russische Absolutismus auf der Abwesenheit jeglichen nationalen politischen Lebens in den Volksmassen, auf der Beschränktheit des Bauern, der in der Gemeinde für sich selbst sorgt, sich dagegen nicht darum kümmert, was außerhalb seiner Gemeinde vorgeht, und alle Angelegenheiten, die außerhalb deren Bereich liegen, dem lieben Herrgott und dem weißen Zaren überlässt, die ihm beide so ziemlich gleich entfernt, gleich allmächtig und gleich unbegreiflich vorkommen.
Mit dem Verschwinden des Gemeindekommunismus schwindet auch die Gemeindebornierteit. Die Förderung der Entwicklung des Kapitalismus bedeutet auch die Förderung eines nationalen Lebens. Der Zarismus arbeitet mit Leibeskräften an der Beschleunigung der Entwicklung in der einen wie in der anderen Richtung. In Folge dessen gewinnt das nationale politische Leben nicht nur in Petersburg und Moskau, sondern im ganzen Reich an Kraft; zentrifugale nationale Tendenzen erwachen, die Kleinrussen rühren sich, die nationale Bewegung in Russischpolen ist nicht zu unterdrücken, sie scheint im Gegenteil wieder zu wachsen. Diese zentrifugalen Tendenzen müssen mächtig erstarken, wenn der zaristische Absolutismus durch ein parlamentarisches Regiment ersetzt wird. Der Panslavismus wird damit aufhören, eine Macht zu sein; dies bedeutet aber die Verwandlung der „staatserhaltenden“ österreichischen Polen und Ungarn in „Reichsfeinde“; sie werden darnach trachten, das letzte Band mit den verhassten „Schwaben“ zu lockern, wogegen diese auch nicht mehr viel einzuwenden haben dürften.
In Österreich wie in Russland versuchten und versuchen die Staatsmänner, der drohenden Auflösung entgegenzuwirken durch die Schaffung einer einheitlichen österreichischen oder russischen Nationalität. Die Schule, die Bureaukratie, die Armee hatten und haben in Russland noch diesem Zwecke zu dienen. Aber sie sind nur von geringer Wirkung, wenn mit der Uniformierung auf diesen Gebieten nicht Hand in Hand geht die Zusammenschließung zu einem einheitlichen wirtschaftlichen Organismus mit einem Zentralpunkt, der sein ganzes Leben beherrscht. Davon ist in Österreich keine Rede; ja es scheint, als lockerte sich in gewisser Beziehung der Zusammenhang seiner verschiedenen Wirtschaftsgebiete untereinander immer mehr. Wien, das der ökonomische Zentralpunkt Österreichs sein sollte, verliert zusehends an Bedeutung. Der Handel mit Lebensmitteln, namentlich Weizen, aus Ungarn und den angrenzenden Gebieten nach der Schweiz, Süddeutschland, Frankreich etc. konzentriert sich immer mehr in Budapest, statt in Wien; und anderseits geht der Handel mit den Produkten der österreichischen Industrie nach dem Orient zum großen Theil direkt über Triest oder Budapest, ohne der Vermittlung Wiens zu bedürfen.
Das großindustrielle Nordböhmen bildet ein besonderes Wirtschaftsgebiet, das nicht bloß sprachlich, sondern auch geographisch und ökonomisch mittelst der Verkehrsstraße der Elbe mit Deutschland aufs engste verbunden ist. Dort ist die „deutschnationale“ Bewegung vor Allem zu Hause. Die ebenso deutschen, aber bäuerlichen Alpenländer haben dagegen noch den mittelalterlichen Partikularismus bewahrt – umso mehr, je weiter weg von der Reichshauptstadt sie liegen – und umso weniger den nationalen Geist entwickelt. Gleich dem benachbarten, ökonomisch ähnlich entwickelten Schweizer ist z. B. der Tiroler noch ganz von lokalem Partikularismus erfüllt, der ja auch bei den Bayern noch sehr stark ist.
Also nicht einmal die Deutschen in Österreich bilden ein einheitliches Wirtschaftsgebiet. Und daneben finden wir noch die besonderen Gebiete Ungarns, Dalmatiens, Galiziens, welche beiden letzteren ebenso sprachlich, ökonomisch und geographisch nach dem benachbarten Ausland schielen, wie Nordböhmen. Endlich zwischen den deutschen Gebieten Nordböhmens, den Alpenländern und den Gebieten der Polen und Ungarn finden wir ein eigenartiges, vorwiegend landwirtschaftliches Wirtschaftsgebiet, mit nicht allzu festen Grenzen, größtenteils von Tschechen bewohnt. Deren Interessen schielen freilich nicht nach dem Ausland; da aber der Zarismus der gemeinsame Feind ihrer Nachbarn, Konkurrenten und Gegner, der Deutschen, Ungarn und Polen, ist, haben sie eine Schwäche für den Panslavismus.
Je schärfer heute die wirtschaftlichen Gegensätze sich zuspitzen, je mehr jedes Wirtschaftsgebiet seine städtische oder ländliche Industrie zu fördern bestrebt ist und je weniger es dies tun kann, ohne die ökonomische Entwicklung des Nachbarn zu schädigen, desto mehr müssen die verschiedenen ökonomischen Gebiete Österreichs auseinandertrachten, desto schwieriger wird die Politik der „Versöhnung“ der Nationalitäten, selbst wenn es gelingen sollte, die „Sprachenfrage“ zu lösen.
Wie wenig ein nationaler Gegensatz durch die Lösung der „Sprachenfrage“ beseitigt wird, wenn der wirtschaftliche Gegensatz bestehen bleibt, der ihn geschaffen, zeigt uns deutlich Irland. Seit einem halben Jahrtausend ist Irland englischer Besitz [3]; seit den Zeiten Cromwells, seit mehr als zwei Jahrhunderten, wird an der Ausrottung der irischen Nationalität, an der Anglisierung Irlands ununterbrochen und mit der brutalsten Rücksichtslosigkeit gearbeitet. Die Sprache Irlands ist die englische geworden; Englisch sind die Literatur, die Kunst und Wissenschaft, so viel davon auf dieser unglücklichen Insel die Rede. Und doch besteht der nationale Gegensatz zwischen Irländern und Engländern fort, und fängt nur dadurch an, überbrückt zu werden, dass Großbritannien der Schwesterinsel ihre nationale Unabhängigkeit zurückgibt.
Der ökonomische Gegensatz zwischen beiden war eben bestehen geblieben. Irland war nie ein Theil Englands geworden, es war stets eine eroberte Kolonie geblieben, die man ausbeutete, ein Konkurrent, den man unschädlich zu machen suchte. Die ökonomische Entwicklung Irlands wurde durch alle Mittel gehindert, seine Manufakturen vernichtet, seine Landwirtschaft ruiniert, das Volk in Unwissenheit und Elend erhalten. Man befolgte Irland gegenüber eine ähnliche Politik, wie gegenüber den amerikanischen Kolonien. Aber Irland war näher und schwächer, als diese. Es gelang ihm weder, seine nationale Unabhängigkeit und damit die Freiheit der ökonomischen Entwicklung zu erringen, noch auch, ein Theil des englischen Wirtschaftsgebietes zu werden, an den Vorteilen der ökonomischen Entwicklung Englands teilzunehmen.
Das Beispiel Österreichs zeigt uns, wie wenig sich ein Staat den Ansprüchen der modernen Entwicklung gewachsen erweist, wenn er kein Nationalstaat ist. Irland zeigt uns, wie eng die ökonomische Wohlfahrt eines Volkes seit den Anfängen der bürgerlichen Entwicklung mit seiner nationalen Unabhängigkeit verbunden ist, mit der Organisation der Nation in einem besonderen, selbständigen Staat. Wir haben nicht weit zu suchen, um andere Beispiele dafür zu finden. Deutschland selbst, nebst Italien und Polen, bietet einen sprechenden Beleg für diesen Satz.
Die ökonomische Entwicklung Deutschlands wie Italiens war im 16. Jahrhundert gestört worden, da sich seit der Entdeckung des Seeweges nach Ostindien um Südafrika herum und seit der Entdeckung Amerikas der Handel von den Küsten des Mittelmeeres an die des atlantischen Ozeans zog. Italien, Südfrankreich, Süddeutschland waren bis ins 15. Jahrhundert an der Spitze der ökonomischen Entwicklung Europas gewesen; seitdem wurden sie überflügelt durch Portugal, Spanien, dann Nordfrankreich, die Niederlande, England.
Die ökonomische Stagnation führte zur Erschlaffung des nationalen Gefühls. Dies war in Deutschland und Italien im 15. Jahrhundert stärker als im 17.; Kleinstaaterei und Kleinstaaterei wurden die typischen Eigentümlichkeiten beider Nationen. Machtlos waren sie den Einflüssen des Auslandes preisgegeben und die guten Nachbarn boten natürlich Alles auf, die nationale Zerrissenheit und ökonomische Rückständigkeit zu erhalten, und dafür zu sorgen, dass ihnen kein gefährlicher Gegner und Konkurrent erstand. Die ökonomische Rückständigkeit hatte die nationale Zerrissenheit und Unselbständigkeit herbeigeführt; diese wurden ihrerseits wieder zu neuen Hemmnissen der ökonomischen Entwicklung. Nicht etwa, dass diese einfach aufgehalten worden wäre, und in Deutschland sich patriarchalische Zustände erhalten hätten, indes in Frankreich und England der Kapitalismus sich entwickelte, Kleinbauern und Handwerker expropriierte und die Proletarier mit Weib und Kind zu lebenslänglicher Zwangsarbeit in den Fabriken verurteilte. Diese Genüsse hätte das deutsche Volk leicht verschmerzt. Aber die zerstörenden Folgen des Kapitalismus traten in den Ländern mit rascher industrieller Entwicklung Anfangs nicht auffallend merkbar auf. Anderseits blieb Deutschland wie Italien und Polen keineswegs gegen die Einwirkungen des Kapitalismus geschützt; die ausländischen Waren kamen herein und machten den Produkten des Inlandes Konkurrenz; der Warenhandel verdrängte immer mehr die Produktion für den Selbstgebrauch; die Proletarisierung von Bauern und Handwerkern ging vor sich, aber die Freigesetzten fanden nicht, wie in Frankreich und England, eine kapitalistische Industrie vor, die sie als Lohnarbeiter aufsog. Die Gründung einer Fabrik galt in den Anfängen des Kapitalismus als ein segensreiches Ereignis, der Fabrikant als ein Wohltäter der Menschheit; die Hemmung der ökonomischen Entwicklung bedeutete nicht Erhaltung des patriarchalischen Glücks; sie bewirkte bloß, dass an dessen Stelle anstatt einer kräftigen kapitalistischen Warenproduktion eine Bettelwirtschaft trat, der gerade noch genug feudale Reste auflebten, um sie ebenso anmaßend wie lächerlich erscheinen zu lassen. Von einer Wirtschaft, der die italienischen und polnischen nichts nachgab, konnte man auch in Deutschland im 17. und 18. Jahrhundert zahlreiche Beispiele finden.
Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen, und so ist es kein Wunder, dass diejenigen Nachbarn, die durch ihre Übermacht die Entwicklung hinderten und die Verkommenheit erzwangen, sich am meisten darüber lustig machten. Was in der Beziehung die Franzosen uns angetan, das haben wir in ebenso reichlichem Maße unseren Nachbarn angedeihen lassen, die das Malheur hatten, schwächer anstatt stärker zu sein, als wir, den Italienern und Polen. Heute noch lieben es preußische Junker mit ihrem wissenschaftlichen Bediententross, auf die Polen als auf eine niedere Menschenrasse herabzusehen, wobei sie tun, als wüssten sie nicht, dass die Verkommenheit der Polen, soweit sie besteht, nicht zum geringsten auf die Politik Preußens zurückzuführen ist, das im Bunde mit Russland Polen vom Meer abschnitt, seine ökonomische und nationale Entwicklung lähmte und alle Elemente unterdrückte, die im Stande gewesen wären, Polen zu heben.
Nicht nur die herrschenden Klassen leiden dort, wo die nationale Einigung und Selbständigkeit durch einen übermächtigen Nachbar gehindert wird, sondern das ganze Volk.
Die Kämpfe, die das Streben nach nationaler Einheit und Unabhängigkeit erzeugte, dauern seit Jahrhunderten: Kämpfe zwischen den nach Zentralisation ringenden und den partikularistischen Elementen innerhalb der Nation; Kämpfe zwischen den verschiedenen Nationen um Sicherung der Grenzen, um Handelsvorteile, ja um die Existenz selbst etc. etc. In ihrer Dauer haben sie in den verschiedenen Bevölkerungen eine nationale Tradition erzeugt, ein Gefühl der Zusammengehörigkeit mit den Nationsgenossen auf der einen, der Abneigung gegen die „Erbfeinde“ auf der anderen Seite, das fast zu einem Instinkt wurde, einer Disposition, die sich vererbt und nur geringer Anregung bedarf, um ihre Wirkung zu entfalten. So ist das nationale Gefühl zu einer Triebkraft geworden, die auch selbständig wirkt, ohne Zusammenhang mit der ökonomischen Entwicklung, ja die unter Umständen sogar zu einem Hemmnis derselben werden kann.
Für die Nationalität gilt, wie für andere historische Kategorien, das Goethe’sche Wort:
|
„Vernunft wird Unsinn, |
Die Zusammenfassung und Absonderung der modernen Gesellschaften in Nationalstaaten war einer der mächtigsten Hebel der neueren ökonomischen Entwicklung: Von einer gewissen Grenze an wird diese Absonderung überflüssig, ja ein Hindernis der weiteren Entwicklung.
Je mehr die moderne Produktionsweise sich entfaltet, desto größer muss der Nationalstaat sein, wenn er ihren Ansprüchen genügen soll. Immer umfangreicher, immer mächtiger müssen die einzelnen Betriebe der Großindustrie werden, sollen sie konkurrenzfähig bleiben, immer größer die Zahl der Produkte, die sie an den Mann zu bringen haben, immer mehr muss jeder Betrieb sich auf eine bestimmte Spezialität werfen; die Produktivität der Arbeit und die Arbeitsteilung in der Gesellschaft wachsen, damit wächst aber auch das Bedürfnis nach einer Ausdehnung des Inneren Marktes und das Bedürfnis, einer großen mächtigen Nation anzugehören, die günstige Handelsbedingungen auf dem Weltmarkt zu erzwingen versteht. Gleichzeitig werden die Mittelschichten der Gesellschaft immer mehr ins Proletariat geschlendert, das Proletariat der Intelligenz nimmt rapid zu und verlangt dringend nach Schaffung neuer Stellen, nach Ausdehnung des Staates, sei es durch Kolonialpolitik oder durch Erlösung eines unerlösten Fleckchens „nationaler Erde“, dass irgendein Nachbar sein Eigen nennt, und nach Ausschließung aller „nichtnationalen“ Elemente aus dem Dienst der Nation.
Je kleiner eine Nation oder ein Staat – und für diesen umso schlimmer, wenn er kein Nationalstaat ist –, desto geringer die Möglichkeit, allen diesen wachsenden Ansprüchen zu genügen, umso größer das Bedürfnis, entweder das eigene Staatswesen zu vergrößern oder sich von einem größeren Nachbar „angliedern“ zu lassen. So patriotisch z. B. die Herrn Fabrikanten Belgiens und der Schweiz sich gebärden mögen, im Innern ihres Herzens schielen sie doch sehnsüchtig über die Grenze Deutschlands oder Frankreichs, welche Staaten groß genug sind, ihren Kapitalisten den „Schutz der nationalen Arbeit“ zu teil werden zu lassen und günstige Handelsverträge zu erreichen, indes die Belgier und Schweizer einen zu geringen Inneren Markt haben, als dass ein Schutzzoll für sie von Bedeutung wäre – er könnte nur nachtheilige Folgen für sie haben, die so sehr auf den Export und den guten Willen ihrer Nachbarn angewiesen sind.
Wenn die Ungarn und Tschechen heute mit fieberhafter Hast daran arbeiten, die Grenzen ihrer nationalen Gebiete vorzuschieben, so ist nicht zum mindesten die ökonomische Lage daran schuld, die sie vor die Alternative stellt, entweder große Nationen zu werden, oder ihr selbstständiges ökonomisches und damit auch nationales Leben aufzugeben. Je mehr Leute in Österreich tschechisch reden, desto mehr Aussicht auf Konsumenten für die Produkte der tschechischen Industrie; je mehr tschechische Schulen, je mehr Gerichte und Ämter mit tschechischer Verhandlungs- und Umgangssprache, desto mehr Aussicht für die Söhne der tschechischen Bourgeoisie, Stellen zu finden.
Trotz alledem droht dem Deutschtum von den Tschechen keine Gefahr, es sei denn, dass es den deutschnationalen Kapitalisten gelingen sollte, die deutschen Arbeiter in Österreich völlig auszurotten und durch slavische zu ersetzen, woran die Herrn eifrig arbeiten. Das Deutschtum zur Schau zu tragen und hie und da dem ohnmächtigen deutschen Schulverein einen Bettelgroschen hinzuwerfen, schmälert den Profit freilich weniger, als Löhne zu zahlen, bei denen ein deutscher Arbeiter existieren kann: und obendrein ist ersteres noch eine billige Reklame, letzteres nicht. Indes, trotz dieser Politik ist an eine Erhaltung der tschechischen Nation kaum mehr zu denken. So rasch sie sich auch ausdehnen mag, so wird es ihr doch nicht mehr gelingen, ein Wirtschaftsgebiet von einer Ausdehnung zu erlangen, die unter den jetzigen Produktionsverhältnissen einigermaßen eine Selbständigkeit der Produktion ermöglicht. Der Kapitalismus entwickelt sich rascher, als die tschechische Nation, und in Folge dessen wird diese ökonomisch immer abhängiger von ihren Nachbarn, vor Allem von der deutschen Nation. Allerdings, je mehr Menschen tschechisch reden, je mehr tschechische Schulen, Gerichte etc., desto bessere Aussichten für die tschechische Industrie, das tschechische Proletariat der Intelligenz. Aber noch besser sind die Aussichten für beide, je mehr unter den Tschechen die Kenntnis des Deutschen sich verbreitet. Bisher haben die Tschechen die Notwendigkeit der Erlernung des Deutschen noch nicht so sehr gefühlt, da die alte Generation der städtischen Bevölkerung des Deutschen noch genügend mächtig ist. Aber die Alttschechen, die für die Forderungen des Kapitalismus einiges Verständnis haben, sind sich dieser Notwendigkeit wohl bewusst; sie streben nach der Ausdehnung des tschechischen Sprachgebiets, aber nicht nach der Verdrängung der deutschen Sprache aus den tschechischen Kreisen. Die fanatischsten Gegner des Deutschen, denen die Unkenntnis dieser Sprache als eine nationale Tugend erscheint, sind die Jungtschechen, die Vertreter des Bauern- und Kleinbürgertums. Für diese Kreise ist freilich die Kenntnis des Deutschen keine ökonomische Notwendigkeit; aber Bauern- und Kleinbürgertum sind dem Untergang geweiht, und mit ihnen die Sprache, die sie sprechen. Je mehr sie zurückgehen, je mehr der Kapitalismus sich entwickelt, desto geringer wird in Böhmen die ökonomische Bedeutung des Tschechischen, desto größer die des Deutschen werden. Jeder Versuch, die Fortschritte der deutschen Sprache in Böhmen zu hemmen, muss schließlich auf eine Hemmung der ökonomischen Entwicklung dieses Landes hinauslaufen. Die Förderung der tschechischen Nationalität bedeutet kaum mehr eine Förderung der ökonomischen Entwicklung. [4]
Die Tschechen mögen sich indes trösten. Größeren Nationen droht ein gleiches Schicksal.
Immer mehr wächst die Produktivkraft der Großindustrie, und immer größer wird der Kreis der Nationen, in denen sie die vorherrschende Produktionsweise ist. Nicht drei oder vier Handelsstaaten find es heute, die sich auf drei oder vier Märkten Konkurrenz machen, wie es im Anfang der Entwicklung der modernen Nationen der Fall gewesen: alle Nationen der modernen Zivilisation sind jetzt auf dem Plan und sie kämpfen um alle Märkte der Welt. Da genügt nicht die Kenntnis einer einzigen Sprache für Jene, die an diesem Wettbewerb teilnehmen. Je mehr Sprachen Einer spricht, desto besser seine Aussichten, anderen Konkurrenten zuvorzukommen, die weniger Sprachen sprechen. Wenn die deutsche Industrie in letzter Zeit auf dem Weltmarkte so rasche Fortschritte gemacht hat, so verdankt sie dies nicht zum mindesten dem von „nationaler“ Seite so oft verlästerten kosmopolitischen Talent der Deutschen. Unter den deutschen Kaufleuten herrscht eine größere Kenntnis fremder Sprachen, als unter den englischen und französischen, die noch immer unter dem Einfluss der Tradition leben, dass alle Welt ihre Sprachen spreche.
Je mehr der internationale Verkehr wächst, desto fühlbarer wird auch das Bedürfnis nach einem internationalen Verkehrsmittel, einer Universalsprache. Eine solche lässt sich natürlich nicht willkürlich erfinden, auch geht das Bedürfnis nicht nach einer Vermehrung der Sprachen um eine neue, noch dazu von zweifelhaftem Wert, sondern nach einer Verminderung der Sprachen, deren man bedarf, um durch die Welt zu kommen. Volapük wird über den Rang einer Geheimsprache für einige wenige Wissende kaum hinauskommen. Eher dürfte eine der bereits bestehenden Sprachen zur Universalsprache werden.
Heute schon muss man, um „gebildet“ zu sein, um am modernen ökonomischen und geistigen Leben voll teilnehmen zu können, neben der Muttersprache mindestens noch eine zweite Sprache, eine Weltsprache, verstehen, womöglich auch sprechen. Diese Notwendigkeit wird immer mehr zunehmen, neben den Weltsprachen werden die nationalen Sprachen zu einer Stellung herabsinken, ähnlich der, die heute die Dialekte gegenüber der Schriftsprache einnehmen. Die nationalen Sprachen werden immer mehr auf den Hausgebrauch beschränkt werden und auch da immer mehr die Rolle eines alten Familienmöbels annehmen, das man pietätvoll erhält, das aber von keinem großen praktischen Nutzen mehr ist. Immer mehr wird sich die Kenntnis der Sprachen verbreiten, die in den großen Zentren des Weltverkehrs, London, New-York, Paris, Berlin, gesprochen werden, und unter diesen wird wieder eine den andern den Rang ablaufen. Welche, das ist heute natürlich kaum möglich zu sagen; jedenfalls aber werden es ökonomische Gründe sein, die ihr den Sieg verleihen, nicht etwa Rücksichten grammatikalischer oder musikalischer Art.
Bei kleineren Nationen macht sich heute schon immer fühlbarer die Notwendigkeit geltend, über die Schranken der Nationalsprache hinaus zu einer gemeinsamen Sprache zu gelangen, nicht nur im ökonomischen, sondern auch im literarischen und wissenschaftlichen Leben. Wer heute in Ungarn, Böhmen, Skandinavien, Dänemark, Holland eine bedeutende wissenschaftliche Leistung der Welt mitzuteilen hat, tut dies meist nicht in der Muttersprache, sondern zieht den Gebrauch des Deutschen oder Französischen vor. Nationale Rücksichten treten diesem Vorgehen oft hindernd entgegen, keineswegs zum Vorteil der Entwicklung.
Das Bedürfnis nach einer Universalsprache ist aber nur ein Symptom des Bedürfnisses nach einer Vereinigung der Nationen der modernen Zivilisation zu einem einzigen Wirtschaftsgebiet, nach Niederwerfung der nationalen Schranken.
Die urwüchsigen kleinen Gemeinwesen waren selbstgenügsam; sie erzeugten Alles selbst, was sie bedurften. Dies war bis zu einem gewissen Grad auch bei den modernen Nationen der Fall in den Anfängen ihres Daseins. Allerdings war der auswärtige Handel ein mächtiger Hebel ihrer Entwicklung, aber dessen Objekte waren Luxusgegenstände, feine Stoffe, Pelze, Schmuck, Gewürze und dergleichen. In Bezug auf die Befriedigung der notwendigen Bedürfnisse bildete jede Nation ein selbständiges und sich selbst genügendes Wirtschaftsgebiet. Das ist heute ganz anders geworden. Die Luxuswaren sind heute im internationalen Verkehr zurückgetreten gegen die Waren, die der Befriedigung der Lebensbedürfnisse dienen. Noch vor einem halben Jahrhundert hätte Niemand ahnen können, welche riesenhafte Dimensionen der internationale Verkehr in Getreide und Vieh, Holz und Steinkohlen, Erzen und Metallwaren etc. etc. annehmen werde. Kein einziger Staat der modernen Zivilisation bildet heute ein völlig unabhängiges Wirtschaftsgebiet. Und immer enger werden die einzelnen Nationen aneinandergefesselt, immer mehr wächst die Zahl der ökonomischen Berührungspunkte, der Angelegenheiten, die eine gemeinsame, internationale Regelung erheischen.
Als im Anfang der sechziger Jahre die Sklavenhalter-Rebellion in den Vereinigten Staaten ausbrach, hörte die Zufuhr nordamerikanischer Baumwolle nach England auf. Der englischen Baumwollindustrie ging das Rohmaterial aus: eine fürchterliche Krisis war die Folge. In einer gleichen Abhängigkeit vom Ausland, in der damals die Baumwollindustrie Englands war, sind heute in jedem modernen Staate zahlreiche Industriezweige. Dazu kommt die Abhängigkeit der meisten Industriestaaten in Bezug auf die Lebensmittelzufuhr vom Ausland. Eine Unterbrechung des internationalen Verkehrs, etwa durch einen Weltkrieg, würde unter diesen Umständen nicht nur eine Krisis heraufbeschwören, gegen die an Umfang und Schärfe die Baumwollenkrisis von 1862 ein Kinderspiel wäre, eine Krisis, die den Bankerott ganzer Industriezweige bedeutete, sondern auch eine Hungersnot, wie sie unsere Generation noch nicht gesehen.
In demselben Maße, in dem jede der modernen Nationen ökonomisch vom Ausland abhängig wird, verliert der innere Markt verhältnismäßig an Bedeutung gegenüber dem auswärtigen. Die Produktivkraft der Arbeit wächst in der heutigen Großindustrie viel rascher, als der nationale Konsum; immer wichtiger wird die Ausdehnung des auswärtigen Marktes.
Aber auch diese geht nicht mehr so rasch vor sich, wie die Ausdehnung der Produktivkraft der Arbeit. Wir stehen vor der internationalen, chronischen Überproduktion, einem Hemmnis der ökonomischen Entwicklung. Die nationalen Bestrebungen, die sich ihr bisher förderlich erwiesen, werden immer nutzloser in dieser Beziehung, sie werden mitunter sogar hinderlich. Die Bestrebungen nach Erhöhung der Einheit und Selbständigkeit, nach Größe und Macht der Nation sind nicht mehr im Stande, der Großindustrie nach Innen und Außen genügenden Absatz zu schaffen. Ein neuer Hebel der ökonomischen Entwicklung muss eingesetzt werden, soll diese weiter vor sich gehen können; an die Stelle der Konkurrenz auf dem inneren und äußeren Markt muss die internationale Regelung der Produktion treten. International muss diese Regelung sein, weil heute keine einschneidende Änderung in der Produktionsweise einer modernen Nation möglich ist, die nicht auch auf die anderen fühlbar zurückwirkte, und weil die Großindustrie zur vollen Entfaltung ihrer Produktivkräfte eines Wirtschaftsgebietes bedarf, das über den Rahmen jeder der heutigen Nationen weit hinausgeht.
Aber diese internationale Regelung könnte nicht vor sich gehen ohne gewaltige Änderungen im Wirtschaftsleben jeder einzelnen Nation; die nationalen Gegensätze könnten nicht überwunden werden ohne Aufhebung der Konkurrenz, ohne Beseitigung ihrer Triebfeder, des Profits.
Die Bourgeoisie widersetzt sich daher hartnäckig nicht nur dieser Regelung, sondern Allem, was an sie auch nur erinnert, z. B. einer internationalen Arbeitsgesetzgebung. Da bleibt ihr denn nichts übrig, als die abgenutzten Hebel der bisherigen Entwicklung immer noch weiter anzusetzen und zwar umso gewaltsamer, je ärger ihre Notlage. So treten seit einiger Zeit gerade in den Kreisen der großindustriellen Kapitalisten die herkömmlichen „nationalen“ Bestrebungen in dem Maße immer stärker hervor, in dem die Großindustrie über die nationalen Schranken hinauswächst und nach einem internationalen Wirtschaftsgebiet verlangt. Die Überproduktion ist heute eine so gewaltige, dass unter den jetzigen Verhältnissen gar nicht daran zu denken ist, alle großindustriellen Produkte an den Mann zu bringen. Die einzelnen Kapitalisten der einzelnen Nationen können nur dann hoffen, alle ihre Waren los zu werden, wenn sie ihre Konkurrenten aus anderen Nationen dauernd unterbieten können. Dies Unterbieten gefährdet aber den Profit; um ihn zu retten, appellieren die Kapitalisten an die Nation, an die nationale Solidarität, die sich darin zu betätigen hat, dass Arbeiter, Bauern und Kleinbürger in der einen oder anderen Form – Steuern, Zölle u. s. w. – aus ihrer Tasche den Ausfall decken sollen, den das Unterbieten der diversen „Erbfeinde“ auf dem Weltmarkt verursacht hat. Dies ist der wesentlichste Inhalt der jetzigen „nationalen“ Wirtschaftspolitik fast aller modernen Nationen. Hand in Hand damit soll gehen möglichste Förderung der nationalen, möglichste Schädigung der ausländischen Industrie durch Handelsverträge, Kolonialpolitik u. s. w.
Alle die alten Mittelchen der Merkantilpolitik des 17. und 18. Jahrhunderts tauchen wieder auf, womöglich in noch drastischerer Form; immer lauter ertönt der Ruf nach nationalem Schutz für die Industrie, immer heftiger wird die Erbitterung gegen die ausländischen Konkurrenten. Gar manchem „Patrioten“ wäre die Neuauflage eines der Handelskriege der letzten Jahrhunderte nicht unerwünscht: aber damals gab ein Handelskrieg der siegreichen Nation einen neuen Anstoß in der ökonomischen Entwicklung; heute fordert diese die internationale Solidarität, bedeutet ein Krieg den Bankerott des Wirtschaftssystems.
Die bornierten Klasseninteressen der Bourgeoisie verlangen heute nicht nur nach Erhaltung, sondern nach Verstärkung der nationalen Schranken, nach Schärfung des Nationalhasses; sie treten dadurch immer mehr in Gegensatz zu den Bedingungen der ökonomischen Entwicklung.
Dagegen fallen diese zusammen mit den Klasseninteressen des Proletariats.
Wie für die bürgerlichen Freiheiten haben die Proletarier einzutreten für die Einigkeit und die Selbständigkeit ihrer Nation gegenüber den reaktionären, partikularistischen Elementen, wie gegenüber etwaigen Angriffen von außen. In diesem Sinne sind sie national. Aber ihre Interessen stehen nicht im Gegensatz zu den Interessen ihrer Klassengenossen anderer Nationen. Die Kapitalisten einer Nation haben ein Interesse daran, dass ihre ausländischen Klassengenossen unter möglichst ungünstigen Bedingungen produzieren lassen. Die Arbeiter einer Nation haben das größte Interesse daran, dass ihre ausländischen Klassengenossen sich in möglichst günstiger Lage befinden. Je höher die Löhne in Deutschland, je gesicherter und stärker daselbst die Arbeiterorganisationen u. s. w., umso besser nicht nur für die deutschen Arbeiter, sondern auch für die Schweizer, Franzosen, Engländer u. s. w., und umgekehrt. Je besser die Lage der Arbeiter einer Nation, desto eher bleiben diese im Lande, anstatt auszuwandern, um den Nachbarn Konkurrenz zu machen, desto weniger können die Kapitalisten dieser Nation durch Schleuderkonkurrenz die Warenpreise und Löhne im Ausland herabdrücken.
Je mehr die moderne Produktionsweise sich entwickelt, desto inniger wird die internationale Solidarität der Arbeiter untereinander, desto geringer aber gleichzeitig die nationale Solidarität zwischen Arbeitern und Kapitalisten derselben Nation.
Dieselbe Entwicklung, die die modernen Nationen schuf, schuf auch die modernen Klassengegensätze. Von ihnen gilt, was Plato bereits von den Gemeinden seiner Zeit sagt, dass jede von ihnen aus zwei feindlichen Gemeinden bestehe, den Armen und den Reichen. [5] Im römischen Weltreich wurden, als es mit ihm zu Ende ging, die sozialen Gegensätze so groß und der Verwesungsprozess der romanischen Nation, wenn man von einer solchen reden will, so unerträglich, dass Vielen der Landesfeind, der germanische Barbar, als ein Retter erschien. Soweit ist es heute, wenigstens in Nationalstaaten, noch nicht gekommen. Und wir glauben auch nicht, dass es Seitens des Proletariats dazu kommen wird. Wohl wächst der Gegensatz zwischen Bourgeoisie und Proletariat immer stärker an, aber gleichzeitig wird das Proletariat immer mehr der Zahl, wie der Intelligenz und Energie nach, der Kern der Nation, fallen die Interessen des Proletariats und die der Nation immer mehr zusammen. Eine der Nation feindliche Politik wäre also der reine Selbstmord seitens des Proletariats. Es hat auch kein Proletarier eine solche im Sinn.
Eher dürften die Verehrer Deroulédes, Katkows oder der Kölnischen Zeitung und ähnliche ausschließlich patriotische Elemente gerade durch ihre „nationale“ Politik in Gegensatz zu den Interessen der Nation kommen, indem sie deren ökonomische Entwicklung hemmen, ihre Vereinigung mit den anderen Nationen zu gemeinsamer Arbeit hindern. Und ist es nicht bezeichnend, wenn die „nationale“ Presse mancher Länder die hohen Löhne der Arbeiter, also eines so großen Theils der Nation, als ein „nationales“ Unglück bejammert?
Das Proletariat ist heute schon in verschiedenen Nationen der Träger der nationalen Entwicklung. Diese geht bei einer jeden modernen Nation von der Hauptstadt oder mindestens von den großen Städten aus. Niemand kann leugnen, dass in fast allen derselben das Proletariat das entschiedene Übergewicht hat. Wir glauben, dass die Zeit nicht mehr fern ist, wo das Proletariat in dem einen oder anderen Lande einen fühlbaren Einfluss auf das nationale Leben gewinnen wird. Es dürfte sich dann zeigen, ob das „nationale“ Gefühl so mancher Kreise, die heute mit ihrem Patriotismus prunken, auch unter diesen Umständen Stand hält und ob nicht das Beispiel der römischen Lumpenproletarier und das des französischen Hofadels aus der Zeit der großen Revolution Nachahmung finden wird.
Das Ziel des Proletariats ist die Aufhebung aller Klassenunterschiede. Die Erreichung desselben würde der Einheitlichkeit der Nationen eine Festigkeit verleihen, wie sie bisher noch nie bestanden. So stark auch unter Umständen die gemeinsamen Interessen aller Nationsgenossen sein mochten, ihre Wirksamkeit wurde doch geschwächt durch die Klassengegensätze. Deren Aufhebung würde dagegen einen nationalen Zusammenhalt erzielen, eine Solidarität, wie sie ähnlich nur die urwüchsigen kommunistischen Gemeinwesen aufzuweisen haben.
Aber die Abgeschlossenheit der urwüchsigen Gemeinwesen ist für die heutigen und kommenden Nationen nicht mehr möglich. Immer enger und enger müssen sie sich zusammenschließen, bis sie schließlich eine einzige, große Gesellschaft bilden. Und nicht unter nationalen Kämpfen wird diese Zusammenfassung vor sich gehen, sobald die wirtschaftlichen Gegensätze, Warenhandel und Handelskonkurrenz beseitigt sind, nicht durch Unterjochung und Degradation der schwächeren Nationen, sondern durch die allgewaltige Macht des Vortheils, den diese Zusammenschließung für Alle bringt. Schmerzlos werden die Nationen in einander aufgehen, etwa wie heute die rätoromanische Bevölkerung Graubündens unmerklich und ohne Murren allmählich sich germanisiert, weil sie es für vorteilhafter findet, eine Sprache zu sprechen, die Jedermann in weitem Umkreise versteht, als eine, die nur in wenigen Tälern gesprochen wird.
Doch verweilen wir nicht zu lange bei dem Bilde einer Entwicklung, die wir nur ahnen können, deren Abschluss den kommenden Jahrhunderten angehört.
Die Aufgabe dieses Jahrhunderts ist es, dieser Entwicklung die Bahn zu öffnen durch Beseitigung der wirtschaftlichen Gegensätze, die einerseits die Nationen voneinander trennen und anderseits die Nationen selbst immer mehr spalten, durch Herstellung eines internationalen, gleichzeitig aber auch eines einheitlichen nationalen Lebens.
1. „Die ursprünglichen Rajahs von Indien und die afghanischen und mongolischen Eroberer, oft grausam gegen die Individuen, bezeichneten wenigstens ihre Regierungszeiten durch Wohltaten gegen die Massen, durch jene wunderbaren Bauten, die einem heute noch auf Schritt und Tritt begegnen und die dem Werk eines Volks von Riesen gleichen ... Unter einem Himmel, dessen unbarmherzige Heiterkeit während 7 bis 8 Monaten ungetrübt bleibt, in einem Klima, unter dem der Boden sechs Monate unbefruchtet bleibt, war das einzige Hilfsmittel des Landbaues, der von den periodischen Überschwemmungen der Flüsse nicht begünstigt wurde, in hochgelegenen Bassins Teiche zu finden, oder zu schaffen, aus denen man wie aus ungeheuren Reservoirs Wasser zu Bewässerungszwecken schöpfen konnte .... Alles, was Indien an Monumenten oder nützlichen öffentlichen Bauten besitzt, stammt von seinen eingeborenen Fürsten her. Die (ostindische) Kompagnie hat keinen Brunnen erschlossen, keinen Teich gegraben, keinen Kanal gezogen, keine Brücke gebaut zum Wohle ihrer indischen Untertanen .... Man unternimmt nicht nur nichts Neues, sondern lässt das Alte verfallen. Mit den Teichen und Kanälen verschwinden die Kultur und die Bevölkerung; das Land wird eine Wüste.“ Edouard de Warren, L’Inde anglaise en 1843. Paris 1844.
2. In der Regel fiel diese, wie es uns scheint, nicht einzelnen Personen, sondern einer der verbündeten Genossenschaften zu, die günstig gelegen war, z. B. Memphis am Nildamm und dem Reservoir, oder die sich sonstiger Vorzüge erfreute. Aus der betreffenden Gemeinde bildete sich dann die Hauptstadt.
3. Die Annexion Irlands begann 1169 unter Heinrich II. Es dauerte aber fast vier Jahrhunderte, ehe Irland völlig erobert war.
4. Die Kenntnis der deutschen Sprache würde sich in Böhmen viel rascher verbreiten, als es der Fall, wenn die Deutschen den Tschechen nicht ihre Sprache aufgezwungen hätten, nicht mit der Absicht, den Tschechen einen Vorteil dadurch zu verschaffen, sondern um deren Wirtschaftsgebiet sich zu erschließen.
5. „Denn eine jede der Städte ist gar viele Städte, nicht eine Stadt, wie es im Spiel heißt. Denn zwei sind von vornherein darin einander Feind, eine Stadt der Reichen und eine Stadt der Armen.“ Daher, schließt Plato, ist ein kommunistisches Gemeinwesen, das keine Klassengegensätze spalten, einem waarenproduzierenden und handelnden militärisch überlegen. (Plato, Der Staat, IV. B., II. K.)
Zuletzt aktualisiert am 11. Oktober 2026