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Karl Kautsky, Der Antisemitismus, Oesterreichischer Arbeiter-Kalender für das Jahr 1885 (Brünn), S. 98–104.
https://archive.org/details/kk-antisemitismus-1885.
Transkription: Daniel Gaido.
HTML-Markierung: Einde O’Callaghan für das Marxists’ Internet Archive.
Die neueste, für Österreich charakteristische Erscheinung ist das überraschend schnelle Anwachsen des Antisemitismus. In Ungarn gehören ⁹/₁₀ der Bevölkerung dieser Richtung an, freilich nur zum geringsten Theil offen und ohne Umschweif. Nur verhältnismäßig wenige haben den Muth, ihre antisemitischen Anschauungen kund zu geben. Die Mehrzahl denkt ebenso wie diese, bedarf aber des Juden und macht deshalb nur die Faust im Sack.
Jetzt beginnt aber die antisemitische Bewegung auch in Zisleithanien sich breit zu machen, da sie bis vor Kurzem noch zum Gespött diente. Sie ist eine Macht geworden, mit der man rechnen muss. Die Politik des Vogels Strauß ist ihr gegenüber nicht am Platz, aber auch mit rein sentimentalen Erwägungen wird man mit ihr nicht fertig. Der Antisemitismus ist ein Problem, welches studiert sein will. Versuchen wir es, seine Wurzeln bloßzulegen. Wir werden dann auch erkennen, welche Haltung die Sozialdemokratie ihm gegenüber einzunehmen hat.
Vor Allem dürfen wir den Antisemitismus nicht als eine vorwiegend konfessionelle Bewegung betrachten. Und selbst der Rassenhass steht bei derselben in zweiter Linie. In erster Linie wird der Antisemitismus von seinem Anhänger selbst als eine soziale Bewegung betrachtet. Und er ist in der Tat ein Klassenkampf. Um den Antisemitismus zu verstehen, müssen wir uns daher fragen: von welchen Klassen geht er aus? Gegen welche Klassen richtet er sich? In der modernen Produktionsweise gibt es drei Arten von Klassen: aufstrebende, herrschende, untergehende Klassen. Die aufstrebende Klasse ist das um Lohn arbeitende Proletariat. Dieses nimmt an Zahl und Intelligenz, an Organisation und Macht, an politischem und sozialem Einfluss von Tag zu Tag zu. Die moderne Produktionsweise selbst konzentriert die Lohnarbeiter immer mehr in den Städten und Fabriken, wo sie in stetem Verkehr miteinander von selbst zur Organisation hingedrängt und ihrer Macht immer mehr bewusstwerden. Dieselbe Produktionsweise vermehrt ihre Anzahl, da die Maschine immer neue Gebiete erobert, die Kleinbetriebe immer mehr proletarisiert und die selbstständigen Kleinmeister immer mehr zu Lohnarbeitern macht. Die moderne Produktionsweise arbeitet also selbst daran, die Arbeiterklasse social und politisch immer stärker zu machen. Die Klasse der Lohnarbeiter ist also die aufstrebende Klasse.
Die herrschende Klasse ist die der Kapitalisten. Der Kapitalist, derjenige, welcher die Industrie oder den Ackerbau in großem Maßstab, fabrikmäßig, mit Lohnarbeitern betreibt, ist es, welcher die moderne Produktionsweise beherrscht. Der Kapitalist ist der einzige, dessen Interessen diese Produktionsweise entspricht, während dieselbe ebenso heftig von den aufstrebenden wie von den untergehenden Klassen bekämpft wird.
Zu diesem gehören alle diejenigen Klassen, welche unter der feudalen Produktionsweise sich gebildet haben und welche den Ansprüchen der modernen Produktionsweise nicht entsprechen können, also zu Grunde gehen müssen, wie der Kleinbauer, der sich größteils aus dem Hörigen entwickelt hat, der Kleinhandwerker, dessen Betriebsweise in der Zunftzeit blühte. Beide gehen heute zu Grunde. Der Bauer erliegt der Geldwirtschaft, die ihn zwingt, seine Abgaben und seine Bedürfnisse anstatt in Naturalien in Geld zu bezahlen. Nicht darauf kommt es an, was und wie viel er erntet, sondern ob und zu welchen Preisen die Ernte Käufer findet. Dazu kommt die Konkurrenz mit dem großen Grundbesitz. Verbesserte Werkzeuge, verbesserte Düngemittel sind notwendig – also Capital, Geld, welches der Bauer nicht hat und das er borgen muss, ohne Aussicht der Heimzahlung. Und endlich kommt auch noch das amerikanische Korn und verdrängt das europäische von den Märkten. So kämpft der Bauer einen hoffnungslosen Kampf; er schwimmt gegen den Strom, kommt bei jeder Anstrengung immer weiter zurück und fühlt seine Kräfte immer mehr ermatten. Die bäuerliche Betriebsweise zu retten, ist unmöglich. Jeder Versuch dazu ist ebenso unsinnig, als es unsinnig wäre, die Eisenbahnen wieder durch Postkutschen verdrängen zu wollen. Nicht durch das Festhalten an einer überlebten, sondern nur durch den Übergang zu einer neuen Produktionsweise, der genossenschaftlichen Bewirtschaftung des gemeinsamen Bodens kann die ländliche Bevölkerung wieder zu Wohlleben und Zufriedenheit gelangen.
Aber das sieht der Bauer nicht ein. Er glaubt nicht, dass die kapitalistische Produktionsweise es ist, die ihn expropriiert, sondern er gibt einzelnen Personen die Schuld, welche doch nur Werkzeuge dieser Produktionsweise sind. Der Bauer braucht Geld; aber nicht die Produktionsweise, die diesen Geldbedarf hervorruft, ist in seinen Augen die Schuldige, sondern der Wucherer, zu dem er seine Zuflucht nehmen muss, da er keinen Kredit beim „soliden“ Capital findet. Nicht die Produktionsweise trägt, seiner Ansicht nach, die Schuld, dass die amerikanische Konkurrenz ihn erdrückt, sondern der Händler, welcher das amerikanische Getreide auf den Markt bringt und das einheimische unterbietet.
Ähnlich denkt der Handwerker. Auch er erliegt der Konkurrenz der Großindustrie, wie allbekannt. Statt nun darnach zu trachten, eine neue Produktionsweise an Stelle der alten zu setzen, in welcher die Vorteile des Großbetriebes Allen zu Gute kommen, will er die alte, überalte Produktionsweise erhalten, indem er die Tätigkeit einzelner Personen einschränkt.
Er hält den Wucherer für eine Ursache seines Ruins. Aber er vergisst, dass er, wenn er konkurrenzfähig wäre, sehr leicht Geld zu niederen Zinsen geliehen bekäme. An den Wucherer wendet sich der Kleinhändler erst dann, wenn er schon ruiniert ist, um den unvermeidlichen Zusammensturz weiter hinauszuschieben. Eine andere Ursache seines Unterganges sieht er im Zwischenhandel. Der Händler. der Hausierer bringt nämlich die billigen Erzeugnisse der Großindustrie auf den Markt und verdrängt die mit mehr Aufwand hergestellten, also teureren der Handwerker von demselben. Es ist nun ein Zeichen höchster Kurzsichtigkeit, den Händler als die Ursache davon anzusehen, dass der Handwerker mit der Großindustrie nicht konkurrieren kann. Um die Handwerker zu schützen, müsste man der Großindustrie überhaupt verbieten, zu verkaufen.
Aus dem Kleinbürgertum geht noch eine andere Klasse hervor: das Proletariat der Intelligenz. In dem Maße, als das Handwerk seinen goldenen Boden verliert, nimmt auch das Bestreben der Kleinmeister zu, ihre Kinder etwas anderes, als Handwerker werden zu lassen. Arbeiter sollen sie auch nicht werden, wie natürlich, denn Niemand wird freiwillig Proletarier, so lässt man sie „studieren“. Die Gymnasien und Realschulen, die Universitäten und technischen Hochschulen füllen sich immer mehr an, wesentlich infolge des Unterganges des Handwerks. Es wimmelt von beschäftigungslosen Lehrern, Juristen, Ingenieuren, Chemikern etc., welche ein Proletariat der Intelligenz bilden, das immer mehr anwächst und welches das elendste Proletariat ist, da es alle Vorurteile und Ansprüche der Bourgeoisie mit dem ganzen Elend des Lohnproletariats vereinigt.
In allen Ländern der modernen Produktionsweise finden wir diese Verhältnisse mit Ausnahme von England, in welchem weder Bauer noch Handwerker mehr eine Rolle spielen, und dessen Kleinbürgertum wesentlich aus Zwischenhändlern besteht. In allen Ländern der modernen Produktionsweise außer England haben sich denn aus diesen Verhältnissen eigenartige soziale Strömungen entwickelt. Frankreich gebar den kleinbürgerlichen Sozialismus, den Anarchismus Proudhons, Russland, Österreich und das östliche Preußen zeugten den Antisemitismus, das Gegenstück des Anarchismus. Dieser erklärt sich durch die eigentümliche Stellung, welche das Judentum in den letztgenannten drei Ländern spielt. Nur dort konnte das Unbehagen ja die Verzweiflung der untergehenden Klassen den Juden als Prügeljungen hinstellen, wo dieser noch national von der übrigen Bevölkerung getrennt ist. Wo er, wie in Westeuropa, in die andere Bevölkerung aufgegangen ist, konnte es niemanden einfallen, einen Klassenkampf gegen eine Rasse zu eröffnen. Die Vorbedingung dazu war, dass die Juden als spezielle Rasse überhaupt noch existieren, und das ist in Osteuropa allerdings noch der Fall. Die Judenemanzipation, soweit sie überhaupt ausgesprochen, ist daselbst noch nicht zur Tat geworden. Die jahrhundertelange Abgeschlossenheit und die jahrhundertelange Inzucht haben in Osteuropa im Judentum Eigentümlichkeiten entwickelt, welche es streng von seiner Umgebung sondern. Dazu kommt, dass, ebenfalls infolge historischer Verhältnisse, Handel und Geldverleihen auch zu Rasseneigentümlichkeiten des osteuropäischen Juden geworden sind, dieser also in Osteuropa tatsächlich den Exekutor der modernen Produktionsweise darstellt, welcher die von ihr gebotene Austilgung des rückständigen Kleinbetriebes getreulich befolgt.
Es ist ein eigentümliches Verhängnis, welches dem Judentum Osteuropas die Rolle auferlegt, die Ausrottung der untergehenden Klassen zu besorgen. Dem Kleinbauer und dem Kleinhandwerker tritt der Jude als Wucherer, als Händler, als Hausierer entgegen, also gerade als Vertreter derjenigen Klassen, in welchen die kleinen Leute die Ursachen ihres Ruins sehen.
Man wirft dem Judentum vor, dass es sich in dem Wuchern und Schachern gefalle, dass es die Arbeit scheue. Aber zu welcher Arbeit soll sich der Jude wenden? Soll er freiwillig Lohnarbeiter, Handwerker oder Bauer werden? Soll er sich freiwillig ins Elend begeben? Er wäre ein Narr, wenn er es täte. Man nenne mir den Christen, der aus Liebe zur ehrlichen Arbeit ein profitables Geschäft aufgibt, um Lohnarbeiter zu werden. Unsere Kleinmeister machen sich nur lächerlich, wenn sie behaupten, aus Liebe zur Arbeit schwere Arbeit zu verrichten. Sie tun es, der Noth gehorchend, nicht dem eigenen Trieb!
Der Kleinbürger lässt seine Söhne studieren, um sie vor der Notwendigkeit harter Arbeit zu bewahren. Ebenso lässt der Jude seine Söhne nicht Arbeiter werden, sondern schickt sie auch auf eine höhere Lehranstalt, wenn er will, dass sie etwas Besseres werden, als Schacherer oder Wucherer. Das ist aber ein neues Verbrechen des Juden in den Augen der untergehenden Klassen. Nicht nur im Geschäftsleben, nein, auch auf der Schulbank stößt der Kleinbürger auf den Juden als Konkurrenten. Der Handwerker, der zu Grunde geht, hofft, wenigstens seine Söhne als Beamte, Ingenieure, Advokaten, Lehrer versorgt zu sehen und nun muss er finden, dass auch auf auf diesem Gebiet sich ihm der Jude in den Weg stellt.
So stellt die historische Notwendigkeit den Untergehenden überall den Juden als Gegner hin, und lässt als das Werk des Juden erschienen, was in Wirklichkeit das Werk der Produktionsweise ist. Wir finden dieselben Erscheinungen: Untergang des Kleinhandwerkes und des Bauernstandes, und eine Überproduktion von Intelligenz ebenso in Ländern, in denen das Judentum keine Rolle spielt, z. B. in Frankreich oder England, wie in Ländern, in denen die Juden als gesonderte Rasse noch existieren. Es ist also nicht der Jude, sondern die Produktionsweise, welche diese Erscheinungen hervorbringt.
Die Haltung der Sozialdemokratie gegenüber dem Antisemitismus ist nach dem Gesagten klar: hat auch dieser dem Sozialismus seine Schlagworte entlehnt, donnert er auch gegen das „Kapital“, so ist er doch reaktionär durch und durch.
Die reaktionären Parteien sind es denn auch, die den Antisemitismus hätscheln und fördern. Unsere Feudalherren gehören als Kapitalisten — als Weizen-, Roggen-, Kartoffel-, Schnaps-, Zucker- etc. Fabrikanten, zu den herrschenden Klassen. Aber ihre Traditionen stellen sie auf Seite der untergehenden, reaktionären Klassen, zum Teil auch ihr Interesse. Denn die herrschenden Klassen bilden keine gleichartige Masse; innerhalb derselben machen sich vielmehr die größten Gegensätze geltend. Das Handelskapital steht im Gegensatz zum industriellen Kapital: das erstere ist freihändlerisch, das letztere schutzzöllnerisch. Diese beiden Arten von Capital aber stehen wieder im Gegensatz zu dem im Grundbesitz angelegten Kapital. Dieses verlangt Zölle auf Lebensmittel, Verteuerung derselben, indes die industriellen Capita listen, um billige Arbeitskräfte zu erhalten, die Lebensmittel von allen Auflagen befreit sehen wollen, und ebenso das Handelskapital. In diesem Gegensatz spielt zum Theil in Osteuropa auch der Gegensatz zwischen Jude und Nichtjude hinein, aber zum größten Theil ist der Feudaljunker antisemitisch aus allgemein reaktionärem Streben. Aus demselben Grunde aber muss die Sozialdemokratie dem Antisemitismus entgegentreten.
Der Antisemitismus ist aber nicht nur reaktionär, er ist auch ausbeuterisch. Wohl schreit er über die Ausbeutung durch das Judentum, aber er strebt nichts an, als an Stelle der großcapitalistischen Ausbeutung die Ausbeutung durch das kleine Kapital zu setzen. Die Herren Bauern und Handwerker, welche sich sittlich entrüstet über die Ausbeutung durch das Judentum zeigen, wollen die Arbeiter ihrer Botmäßigkeit in noch höherem Grad unterwerfen, als bisher geschehen. Wohl donnern sie gegen Korruption und Ausbeutung, aber in einem Atem verlangen sie eine Verschärfung der Dienstbotenordnung, strenge Bestrafung der Vagabunden, d. h. der arbeitslosen Lohnproletarier, strenge Durchführung der Bestimmungen betreffs der Arbeitsbücher etc. Auf diese Weise sollen die „patriarchalischen“ Verhältnisse wieder hergestellt werden!
Und gegen wen richtet sich der Antisemitismus? Gegen das großcapitalistische Judentum? Nein; gegen dieses wird in Versammlungen nur losgepaukt, um dem Publikum Sand in die Augen zu streuen. Aber die Herren Rothschild und Konsorten geniert das wenig. Die stehen zu hoch, denen kann man nichts anhaben. Wer aber leidet unter dem Antisemitismus? Der arbeitende Jude, der Hausierer, der im Schweiße seines Angesichtes sein schweres Bündel von Ort zu Ort schleppt, allem Unwetter ausgesetzt, der Sonnenglut wie dem schneidenden Froste, und der dabei nur ein kümmerliches Dasein fristet; der jüdische Student, der oft unter den größten Entbehrungen, mit übermenschlicher Ausdauer neben seinem Studium noch durch Arbeit sein Brod verdient, nur um studieren, um dereinst nicht als Wucherer und Halsabschneider, sondern als Lehrer, als Arzt wirken zu können: das sind die Elemente, welche der Antisemitismus bedroht. Von kleinen Ausbeutern geht der Antisemitismus aus und wendet sich zum großen Theil gegen Arbeiter.
Man sieht, es gibt nichts der Sozialdemokratie feindlicheres, als den Antisemitismus. In Österreich tritt der Antisemitismus allerdings im Gegensatze zu Deutschland oppositionell, ja antidynastisch auf. In Ungarn wie in Zisleithanien sitzt er auf der äußersten Linken, gehört er zu den Intransigenten. Aber aus welchen Gründen stammt diese Opposition? Aus reaktionären, nationalen. Herr Schönerer bekämpft Taaffe nicht dessen reaktionärer Gesinnungen wegen, sondern weil dieser der Herrschaft der Deutschen über die Slaven ein Ende gemacht hat. Derselbe Herr Schönerer, der so demokratisch tut, liegt vor dem Vater des Sozialistengesetzes auf dem Bauche und fraternisiert mit Stöcker. Und die ganze Demokratie der äußersten Linken in Ungarn besteht darin, dass sie ihren eigenen König haben wollen, den sie nicht mit den verhassten „Schwaben“ teilen müssen.
Nicht umsonst geht dieser blödsinnige Chauvinismus Hand in Hand mit dem Antisemitismus. Dass man aus der Klassen eine Rassenfrage macht, ist ja nur dort möglich, wo der nationale Chauvinismus noch die Rassenunterschiede aufrechterhält. Und es ist eine beißende Ironie der Weltgeschichte, dass die Juden, welche sich nicht deutsch-national genug zu geberden wussten, nun dem welschen und slavischen „Erbfeinde“ gleich, ja noch unter ihn gestellt werden. In dieser Verbindung zeigt sich aber auch am besten der reaktionäre Charakter, den die nationale Idee heute erlangt hat. Die nationale Idee war der Idealismus der Bourgeoisie; sie war revolutionär mit ihr, sie ist mit ihr reaktionär geworden. Damals, als sie revolutionär war, als die Fürsten sie verfolgten, stand die Emanzipation der Juden, deren Vereinigung mit der Nation, auf ihrem Programm. Heute, in ihrer reaktionären Epoche, wo Junker und Pfaffen sie hätscheln und sie die Stütze der Herrschenden geworden ist, bildet sie ein trennendes Element, steht die Ausscheidung der Juden aus der Nation auf der Tagesordnung.
Kleinbürgerlich und national bildet der Antisemitismus den geraden Gegensatz zur proletarischen, internationalen Sozialdemokratie — ebenso ihren Gegensatz, wie anderseits der Anarchismus, beide Kinder des Kleinbürgertums. Der Antisemitismus ist nicht missverstandener Sozialismus, sondern missverstandener Feudalismus.
Trotzdem bildet der Antisemitismus eine Gefahr für die Arbeiterbewegung, und zwar mehr noch in Österreich, als in Deutschland. Der Antisemitismus tritt in Österreich, wie erwähnt, oppositionell auf, demokratisch, und das betört manchen. Anderseits ist die österreichische Arbeiterbewegung nicht in der gleich günstigen Lage, wie die deutsche. Der Klassenkampf ist in ihr ein weniger ausgedehnter, er beeinflusst daher weniger die Denkweise der Arbeiter. Diese selbst rekrutieren sich aus kleinbürgerlichen und bäuerlichen Kreisen, bringen also eine Ideenrichtung mit, welche der antisemitischen wie der anarchistischen gleich verwandt ist und ebenso leicht nach der einen, wie nach der anderen Richtung gelenkt werden kann. Dazu kommt, dass die antisemitische Bewegung, soweit sie sich aus kleinbürgerlichen, bäuerlichen und „akademischen“ Kreisen rekrutiert, in demselben Maße an Stärke zunehmen muss, als die Zersetzung in diesen Klassen fortschreitet. Sie wird eine mächtige und gewalttätige Partei bilden, deren Erfolge die Massen blenden, deren Größe nach dem Gesetz der Schwere sie anziehen wird. Die Unklarheit und Konfusion, welche die anarchistische Propaganda absichtlich verbreitet hat, erleichtert den Antisemiten nicht wenig ihre Arbeit.
Trotz alledem wird die Sozialdemokratie in Österreich des Antisemitismus ebenso Herr werden, wie sie den Anarchismus überdauert hat. Ein schwerer Irrtum aber wäre es, zu glauben, der Antisemitismus bilde die Vorarbeit für den Sozialismus. Nein, er ist jetzt unser nächster, unser gefährlichster Gegner; nicht Förderung, sondern einen Krieg auf Tod und Leben hat die Sozialdemokratie von ihm zu erwarten. Ausgehend von den rückständigen, untergehenden Klassen, ausgebeutet von Junkern und Pfaffen, ist er nicht ein Element der sozialen Entwickelung, sondern des sozialen Rückschrittes. Er knüpft nicht an die moderne Produktionsweise an, um dieselbe zu einer höheren umzuwandeln, sondern er bekämpft Personen, um einer unhaltbar gewordenen Form der Ausbeutung das Leben zu fristen. Wo er Einfluss auf die Gesetzgebung gewinnt, führt er feudale Elemente in das Wirtschaftsleben ein, und verzögert damit den Sieg der Sozialdemokratie. Denn der Sozialismus lässt sich nur aufbauen auf der Grundlage des Kapitalismus, nicht des Feudalismus.
Lassen wir uns also durch die Außenseite des Antisemitismus nicht täuschen. Derselbe bildet eine der letzten krampfhaften Zuckungen einer überlebten Produktionsweise. Er hat nichts zu tun mit den Geburtswehen einer neuen Zeit.
Zuletzt aktualisiert am 10. Oktobeber 2026