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Ernest Belfort Bax, Kolonialpolitik und Chauvinismus, Die neue Zeit, 16. Jg.,
1. Bd. (21. Dezember 1897), H. 14, S. 420–427.
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Vor einigen Monaten hat Eduard Bernstein in einem Aufsatz in der Neuen Zeit der Meinung Ausdruck gegeben, als wenn die unumschränkte Ausdehnung der sogenannten modernen Kultur, mit anderen Worten, der heutigen kapitalistischen Wirtschaft, mit allem was damit verbunden ist, an und für sich ein Vorteil für wilde und barbarische Völker fei, ebenso für die Welt im Allgemeinen, und als wenn die wirtschaftliche Ausdehnung derselben eine unumgängliche Bedingung des weiteren Fortschritts überhaupt, sein sollte. Da man nun diese oder eine ähnliche Gedankenweise nicht selten zu hören bekommt, ist es wohl der Mühe wert, sie etwas eingehender in Erwägung zu ziehen.
Dass der Kapitalist und der Anhänger des bestehenden bürgerlichen Systems die weitere Ausdehnung desselben, die Eröffnung von neuen Märkten, die Unterjochung von Naturvölkern, um sie bei Bergwerken, bei Eisenbahnbauten und später in Fabriken auszubeuten, wodurch selbstverständlich die Arbeit von weißen Proletariern überflüssig gemacht werden würde, die Verjagung der Eingeborenen von ihren Ländereien, die Wegnahme ihres Viehes u. s. w. als einen großen Segen. für die Menschheit und einen wesentlichen Sieg des Fortschritts ansieht, ist selbstverständlich. Aber dass von einem Sozialdemokraten eine ähnliche Anficht gehegt werden sollte, darf wohl dem schlichten Parteimitglied als ein unerklärlicher Verstoß gegen das Grundprinzip des Sozialismus vorkommen.
Erst wollen wir fragen, was eigentlich die Ausdehnung der modernen Kultur heißen soll, deren Segen Bernstein in Übereinstimmung mit dem alltagsbürgerlichen Philister so hoch preist. [1] In erster Hinsicht heißt es das plötzliche Vordringen der kapitalistischen Wirtschaftsform gewöhnlich in ihrer schroffsten Gestalt und die gleichzeitige Verdrängung der urwüchsigen Landeswirtschaft, die Verdrängung der Landeskultur, in erster Reihe natürlich, der dort herrschenden Produktionsweise und geltenden Austauschmethode. Die alten Arbeitseinrichtungen werden in der Regel gewaltsam zersprengt, allerlei religiöse und philanthropische Vorwände werden angewandt, um die alten wirtschaftlichen Formen, sowie die alten religiösen Gebräuche und Volkssitten zu beseitigen. Die Sklaverei in ihrer alten Gestalt, die aus der Entwicklung des Volkslebens gewachsen find, wird denunziert und verpönt und endlich aufgehoben. Und zu wessen Gunsten? Im besten Falle zu Gunsten der modernen Lohnsklaverei, des freien Kontrakts, der für den Einheimischen ohnehin viel Ärger ausfällt als die alte Standessklaverei, an die sie gewöhnt find, Aber im schlimmsten, jedoch sehr häufigen Falle, wird sie ersetzt durch erzwungene Kontraktarbeit, bei welchem System der unwissende Eingeborene entweder durch Gewalt genötigt oder durch trügerische Versprechungen gelockt wird, sich auf eine gewisse Zeit zu verdingen, während welcher er unter der Gewalt seines Arbeitgebers steht und nach Ablauf welcher, letzterer keine Verpflichtungen mehr gegen ihn hat; mit anderen Worten ein System, das in sich alle Uebel beider Systeme vereinigt, die der modernen Lohnarbeit wie die der Standessklaverei, ohne die überwiegenden Vorteile der letzteren zu besitzen. Wie dieser philanthropische Schwindel, die Abschaffung der Sklaverei in wilden Ländern (sagen wir in Afrika), von den Eingeborenen gehasst wird und noch mehr das System der erzwungenen Arbeiterkontrakte, durch welches es heutzutage in vielen Fällen ersetzt wird, wissen diejenigen zur Genüge, die mit der Sache der Eingeborenen sich abgegeben haben, so z. B. die englische Gesellschaft „zum Schutze der Eingeborenen“, auf deren Publikationen ich die Leser dieser Zeitschrift verweise.
Das sind also einige Folgen der kapitalistischen Eroberung wilder Länder für deren Einwohner. Aber das ist lange nicht alles, der unmittelbare Hauptzweck solcher Unternehmungen ist wohl bekannt, die Eröffnung von neuen Märkten für die Produkte der heimatlichen Großindustrie. In dem Maße, wie dies gelingt, wird bekanntlich die urwüchsige Produktionsweise der Einwohnerschaft aufgehoben und die urwüchsige Naturalwirtschaft wird durch Geldwirtschaft verdrängt. Nun nehmen wir ein barbarisches Land an, beispielsweise Marokko, dieses übriggebliebene Stück alter Kultur, welches so bequem gegenüber von Gibraltar liegt, ist, wie wohlbekannt, ein Leckerbissen, auf den der europäische Kapitalist (sage „Beförderer der Gesittung“ oder „Philanthrop“) längst feine neidischen Augen geworfen hat. Um seinen Zweck zu erreichen und zu rechtfertigen, lässt er von Zeit zu Zeit gräuliche Schilderungen der Erpressungen der Paschas und der Misswirtschaft der Regierung Überhaupt, in der Presse ergehen. Dadurch werden wohlmeinende Philister, die selbst kein besonderes Interesse an der Ausbeutung Marokkos haben, in einen Zustand der Entrüstung versetzt und eine öffentliche Meinung geschaffen, die die Erreichung des erwünschten Zieles erleichtert. Das Ausmalen der Gräuel der Sklaverei und der Missstände der ein heimischen Wirtschaft find bekannte Mittel, kapitalistische Raub- und Mordzüge zu rechtfertigen.
Nun wollen wir die wirklichen ökonomischen Zustände Marokkos betrachten, die Zustände, die das tägliche Leben des Volkes bestimmen. Was Lebensmittel anbelangt, kostet Weizen, der Hauptbestandteil des Brotes (mithin der Hauptzweig der Nahrung) 4 Francs pro Hektoliter, in Marseille kostet amerikanischer Weizen 16 Francs pro Hektoliter, während französischer Weizen nicht unter 22 bis 23 Francs zu haben ist. Ein wichtiger Grund der Billigkeit in Marokko ist die für die Bevölkerung segensreiche, aber für den sein wollenden kapitalistischen Grundbesitzer höchst unbequeme Anordnung, welche die Ausfuhr von Getreide aus dem Lande verbietet. Ähnliche Wohlfeilheit herrscht in anderen einheimischen Produkten. Wenn die Lebensmittel billig sind, so sind die Löhne relativ hoch. Männer erhalten durchschnittlich 1 Franc pro Tag, Frauen ½ Franc, Noch eine Anordnung, welche ebenfalls als barbarisch bezeichnet werden könnte, verbietet die Anwendung von landwirtschaftlichen Maschinen für Kornschneiden, und zwar aus dem ausdrücklichen Grunde, weil dadurch den Armen das Auflesen der Garben durch die Habsucht des Grundbesitzers entzogen werden könnte. Was Handarbeit anbelangt, ist selbstverständlich der Arbeiter Selbstbesitzer seiner Werkzeuge. Die Produktion befindet sich in ihrem primitivsten Stadium, es gibt keine Straßen im ganzen Lande, der Sultan und die Paschas wollen von Landstraßen nichts wissen, nichts was auf Rädern geht ist gestattet. Das ganze Streben der Regierung ist darauf hingerichtet, die Einführung des modernen Kommerzialismus und der Großindustrie zu verhindern. Nur Handwebstühle sind im Gebrauch. Doch trotz dieser „barbarischen“ Einrichtung kommt ein Jeder, der das Land besucht, zurück (und ich habe mehrere solcher gekannt) mit Lobsprüchen über die Einfachheit der Sitten und den Wohlstand des Volkes.
Unvermeidlich würde Bernstein wie andere Lobhudler der modernen Zivilisation ohne Zweifel einen großen Fortschritt darin erblicken, wenn Marokko im Besitz irgendeiner europäischen Macht fein würde und feine primitiven Sitten und Wirtschaftsformen, unter denen die Bevölkerung im Allgemeinen in ihrer Art glücklich ist, in dem Maelstrom der Großindustrie und des Weltmarkts verschlungen würden, unter welchem die große Masse eines Volkes in keiner Art glücklich fein kann! Die Bevölkerung Marokkos wäre gewiss einige in die Augen springende Übelstände los, aber um welchen Preis? Hin und wiederkehrende Grausamkeiten und Erpressungen der Paschas würde sie für die allgemeine Versumpfung als Proletariat eintauschen. Man macht eine Einöde von Dampfkesseln und Schlotrauch, man nennt es Fortschritt und Volksgedeihen. Wenn der Fortschritt im kapitalistischen Sinne, d. h. die Einführung der großen Industrie, Geldwirtschaft und Verschlingungen in den Weltmarkt eine „Verschlimmbesserung“ der Lage und mithin ein Unglück für ein Land wie Marokko, das schon eine gewisse Zivilisation besitzt, sein sollte, wie viel mehr gilt dies von wilden und barbarischen Völkern, die noch gar keine Zivilisation kennen und die vollends in der Urgemeinschaft der Gens und des Stammes leben. Ein Fortschritt im Sinne eines erhöhten Glückes der Bevölkerung kann es gewiss nicht sein, dass ihre Mehrheit zu Proletariern unterdrückt sein soll und alle ihre Mitglieder verdammt werden, die faulen und giftigen Produkte der europäischen Großindustrie zu konsumieren. Oder wollen Herr Bernstein und seine Gesinnungsgenossen (zu denen ich mich berechtigt glaube, den Redakteur der Neuen Zeit zu rechnen) wagen, das zu behaupten? Wenn nicht, müssen, insofern sie als Sozialisten zu rechnen find, andere Gründe ausschlaggebend sein.
Der einzige sonstige Grund kann nur folgender fein: die menschliche Gesellschaft, heißt es, habe sich durch primitive Gesellschaftsformen hindurch zum modernen Kapitalismus entwickelt, letzterer seines Teils trägt in seinem Schoße die neue sozialistische Gesellschaft; der Sozialismus ist die notwendige Folge des Kapitalismus, und wiederum der Sozialismus im modernen Sinne kann nur aus dem modernen Kapitalismus entstehen, daher, sagt man (und hier kommt das, was ich mir erlaube, den falschen Schluss zu nennen), müssen alle Winkel der Erdoberfläche und alle Volksstämme die Mühle des Kapitalismus durchmachen, ehe sie zum Sozialismus gelangen können. Diejenigen, die diese Ansicht vertreten, dürften wohl, wie es mir scheint, ihre Geschichte schlecht studiert haben. Sie übersehen nämlich die wichtige Tatsache, dass es nur gewisse Rassen sind, die in jeder größeren Entwicklungsperiode der Menschheit, von der geschichtlichen Zuchtwahl, wie wir sie nennen mögen, auserkoren werden, der eigentliche Träger der Kultur dieser Periode zu sein und die daher alle dazu gehörigen Entwicklungsstufen durchmachen müssen. Die übrigen Völker werden von den erstgenannten, sobald sie mit denselben in Berührung kommen, einfach mitgeschleppt. Sie erhalten den Stempel der zeitweiligen Kultur der fortschrittlichen Völker aufgedrückt, und in kurzer Zeit, oft nicht mehr als ein paar Generationen, falls sie nicht aussterben, stehen sie der Hauptsache nach völlig auf demselben Niveau, ohne irgendwelchen Entwicklungsgang im eigentlichen Sinne durchgemacht zu haben. Die Höhe des Fortschritts eines Zeitalters überhaupt heißt die Höhe des Entwicklungsgrads der Rassen, die die geschichtlichen Träger des Fortschritts in dem Zeitalter sind. Solche Träger waren im grauen Altertum die orientalischen Völker, Babylonier, Ägypter, Syrier etc., während der klassischen Periode Griechenland und Italien, im Mittelalter hauptsächlich die germanische Rasse und ihre Mischungen, in der Neuzeit im engeren Sinne dieselben Rassen zu selbständigen Nationen ausgebildet mitsamt ihren Kolonien (Westeuropa), im weiteren Sinne aber ganz Europa. In keinem Falle hat es mehr als relativ kleiner Völkerkomplexe bedurft, um einen bestimmten Entwicklungsgrad definitiv zurückzulegen und einen weiteren zu erobern. Wenn meinen Lesern das alles als längst bekannte historische Wahrheiten, um nicht Plattheiten zu sagen, erscheinen wird, so muss ich mich dadurch für deren Anführung entschuldigen, dass wenn ich Bernstein recht verstehe, derselbe meint, weil der moderne Kapitalismus die nötige Vorstufe des modernen Sozialismus für die Nationen sei, welche den Vortrab der modernen Kultur bilden, müssen alle Hottentotten, Kaffern, Kameruner, Patagonier, Südsee-Insulaner et hoc genus omne [and everything (else) of this kind] erst kapitalisiert werden, ehe die Ära des Sozialismus für die Menschheit aufdämmerte.
Die Verkehrtheit dieser Vermutung fällt in die Augen, sobald sie klipp und klar und ohne Phrase ausgesprochen wird. Wie Friedrich Engels Schreiber dieses mehr als einmal sagte, sei die einzig richtige Politik der Sozialdemokratie betreffs niederstehender Völker vorläufig jedenfalls die des laisser faire. Man könnte auch meinen, dass es einem jeden konsequenten Sozialisten einleuchten wird, der nicht gerade in dem oben gerügten Fehlschluss verfangen ist, dass wir keine besonders gute Tat vollbringen, wenn wir gerade eine naturwüchsige Gesellschaftsverfassung sprengen, um sie durch den modernen Staat der Großindustrie zu ersetzen. Nicht so scheint Herr Bernstein zu denken in seiner Schwärmerei für den Kapitalismus und die englische liberale Partei.
Aber nicht nur von dem mehr oder weniger statischen Standpunkt der Wohlfahrt der rückständigen Völker selbst ist ihre Ausbeutung durch Eroberung und Kolonisation vom moralischen Standpunkt aus für den Sozialisten verwerflich, sie bildet auch für Europa ein unermessliches Hindernis der geschichtlichen Verwirklichung des Sozialismus. Das einzige Rettungsanker des modernen kapitalistischen Systems besteht in der Möglichkeit der Ausdehnung seines Wirkungsgebiets. Der immer greller werdende Widerspruch zwischen Produktions- und Austauschweise kann nur in seinen Folgen zeitweilig überwunden werden durch die Erkämpfung von neuen Absatzgebieten, von neuen Märkten. Darauf hinaus läuft selbstverständlich die ganze moderne Kolonialpolitik. Hört dieser Ausdehnungsprozess auf oder vollführt er sich gar in zu langsamer Weise, so geht das kapitalistische System als solches notwendig zu Grunde und macht dem Kollektivismus Platz. Zu dem kommt die Betrachtung einer neuen „Reservearmee“ von Proletariern in der Gestalt der Eingeborenen, die vorläufig jedenfalls nichts von modernen Klassenkämpfen wissen, um die widerspenstig werdenden Proletarier der Kulturländer im Notfall zu ersetzen. Das alles wissen der moderne Kapitalist und der moderne Staatsmann sehr wohl, und daher ihr Eifer, daher der Sturm und Drang, mit denen sie vorgehen, um vor allen Dingen, so lange es noch Zeit ist, neuer Länder und neuer Völkerschaften sich zu bemächtigen. Industrie und Handel desjenigen Landes, welchem es gelingt, für sich das meiste des noch nicht eroberten und nicht ausgebeuteten Gebiets zu ergreifen, wird selbstverständlich eine ungemein günstige Stellung auf dem künftigen Weltmarkt einnehmen, ja unter Umständen ihn selbst beherrschen, daher die Tatsache, dass alle hohe Politik heutzutage, direkt oder indirekt, auf Kolonialfragen sich zuspitzt. Aus den vorliegenden, sehr triftigen Gründen, behaupten wir nach wie vor, es sei die Pflicht jedes Sozialdemokraten, gleichviel, welchem Staate er angehöre, gegen alle und jede aktive Kolonialpolitik einzutreten. Die Ausdehnung des Weltmarktes, die Eroberung neuer Absatzgebiete, die Unterwerfung neuer Völkerschaften, das alles heißt die Ausdehnung der kapitalistischen Wirtschaft, diese Ausdehnung heißt dem Kapitalismus im Allgemeinen eine neue Lebensfrist gewähren, was wieder so viel sagen will, die neue Weltordnung, den Anbruch der sozialdemokratischen Gesellschaft eventuell bis zu den griechischen Kalenden hinauszuschieben. Von diesem Standpunkt aus ist jeder Fortschritt der Kolonisation ein Rückschritt für die sozialistische Sache. Ebenfalls vom selben Standpunkt muss jede Niederlage einer zivilisierten Macht in ihrem Kampfe mit wilden und barbarischen Stämmen der sozialistischen Partei, insofern sie konsequent ist, willkommen fein. Die Sache der Eingeborenen ist wahrlich, von dieser Seite betrachtet, unsere Sache. Also lieber Freund Kautsky, es ist nicht allein oder gar hauptsächlich, aus moralischen, oder wie Sie es nennen würden, aus „sentimentalen“ Gründen – d. h. aus Humanität, aus Anerkennung der Rechte schwächerer Völker, aus Sympathie für frühere Kulturzustände –, nein, es ist ebenfalls aus rein harten ökonomischen Rücksichten, aus welchen ich als Sozialdemokrat die Unterjochung niederer Völker durch zivilisierte unter allen Umständen verurteile, und weshalb die meisten Sozialdemokraten es instinktiv ebenso tun. Sie wissen wohl, dass der Proletarier nichts zu gewinnen hat durch das Einziehen neuer Länder und Völker in den Kreis der modernen kapitalistischen Entwicklung. Sie sehen wohl ein, dass eine Kolonialmacht einzig und allein zu Gunsten der besitzenden Klassen zumeist den Großkapitalisten zu Gute kommt.
Es sind nur gewisse Mäßigkeitsmeier, es sind nur einige praktisch sein wollender Politiker, die diesen Standpunkt verleugnen und behaupten, dass die Unterjochung rückständiger Völkerstämme zu Gunsten der Kapitalisten Europas ganz in der Ordnung sei und dass man höchstens die Art und Weise, in welcher es geschehe, kritisieren dürfe. Sie verleugnen den Standpunkt der Partei und das nennen die Herren Vernunft und Mäßigkeit. Sie verachten, der Tagesmode gemäß, „die revolutionäre Phrase“, bis kein Gedanke hinter ihren Ausführungen liegt, der nicht in der Vossischen Zeitung oder im Daily Chronicle richtig am Platze wäre. Sie lassen das Endziel der sozialistischen Bewegung völlig fahren zu Gunsten des Gedankenkreises des heutigen bürgerlichen Liberalismus und Radikalismus und das nennen sie praktischen politischen Sinn und „die Dinge beurteilen, wie sie find“. Dagegen von dem von mir oben entwickelten Gesichtspunkt aus erhält die äußere Politik sozialistischerseits einen konsequenten Leitfaden. Alles was dazu beiträgt, dem Kapitalismus, der modernen Großindustrie und dem modernen Welthandel einen Ausweg zu bieten, wirkt dem Sozialismus zuwider und mithin ist dasselbe von der Partei aufs Äußerste zu bekämpfen. Zum Beispiel ist es unzweifelhaft anzunehmen, dass die Vernichtung des türkischen Reiches und feine darauffolgende Eröffnung von ganz Westasien für die moderne Industrie und den Handel dem Widerstand des kapitalistischen Systems gegen seinen Zusammenbruch großen Vorschub leisten würde. Deshalb ist die Sozialdemokratie verpflichtet, für diejenigen Bestrebungen einzutreten, die auf die Aufrechterhaltung des Status quo in der Türkei hinauslaufen. Der Angelpunkt aber der ganzen Bestrebungen des modernen Kapitalismus und seiner Staatsgebilde liegt in der raschen Eröffnung Afrikas. Afrika gilt für den modernen Kapitalismus, der in Europa und Nordamerika anfängt, in die Klemme zu kommen, als gelobtes Land. Wenn nur das ungeheure jungfräuliche Gebiet des afrikanischen Festlandes durchgängig für die Kultur, d. h. für die moderne kapitalistische Zivilisation erobert werden sollte, binnen der nächsten paar Jahrzehnte, dann meint man, ist die betreffende Zivilisation auf unabsehbare Zeit vor eigenem Zusammenbruch und vor sozialistischen Umstürzlern gerettet. Diese Hoffnung tritt nicht immer so klipp und klar ins Bewusstsein, wie ich sie ausgesprochen habe, aber als instinktiv vorhanden ist sie in der ganzen Haltung der modernen Kolonialpolitik zu lesen. Geschehe was könne und wolle, Zentralafrika muss für den Kapitalismus gewonnen werden.
Kurz, in dem möglichen Falle, dass es dem heutigen Wirtschaftssystem gelingen sollte, sich auf obige Weise neuen Entwicklungsraum zu verschaffen, liegt die größte Gefahr des heutigen Sozialismus. Man kann behaupten, wenn man will, es sei eine Gefahr, die nicht abzuwenden sei, da die kapitalistische Macht noch zu groß ist und der Einfluss des Sozialismus unter den Massen der Kulturvölker noch zu schwach, jedoch ist das erstens immerhin keineswegs nachgewiesen, und zweitens, auch wenn es der Fall wäre, würde die Pflicht der Sozialdemokratie nichtsdestoweniger darin bestehen, alle Hebel in Bewegung zu setzen, diese Politik des Kapitalismus, wenn es auch nicht gänzlich zu beseitigen möglich wäre, doch jedenfalls in ihrer Laufbahn zu hemmen.
Gegenüber der interstaatlichen Konkurrenz zwischen den besitzenden Klassen der verschiedenen Nationen wegen der kolonialen Übermacht, dürfte die Partei sich, wie es scheinen möchte, ziemlich gleichgiltig verhalten. Das kann allerdings als nebensächliche Frage erscheinen, gegenüber dem Gelingen des heutigen Wirtschaftssystems, überhaupt sich neuen Spielraum zu gewinnen. Jedoch ist sie von Standpunkt der Zukunftsentwicklung der Menschheit, und ganz abgesehen vom modernen Chauvinismus, nicht ganz ohne Belang. Die heutige kapitalistische Kolonialpolitik trägt natürlich den Chauvinismus als Aushängeschild, was dahintersteckt, ist nur der Wunsch eines Kartells von Kapitalisten einer Nation, sich zu bereichern auf Kosten ähnlicher Kartelle anderer Nationen. Aber gerade das Vorherrschen einer Rasse, d. h. ihre Festsetzung in den Zukunftsländern der Erde, oder in den meisten von ihnen, die Herrschaft ihrer Sprache, Sitten, Gebräuche, kurz ihres Gesittungsgepräges, könnte unter Umständen keineswegs ohne Bedeutung fein für spätere Phasen menschlicher Entwicklung. Nun von diesem Standpunkt aus betrachtet, stehen wir, wie Schreiber dieses meint, vor der Gefahr, das Übergewicht einer einzelnen Rasse zu erleben. Diese Rasse ist die angelsächsische, überall drängt sich der Engländer als Kolonist und England als Kolonien besetzende Macht vor, während die Vereinigten Staaten Nordamerikas, wie wohl bekannt, Ansprüche erheben, die ausschlaggebende Macht des ganzen amerikanischen Kontinents zu sein. Bis jetzt ist man auf dem Festland Europas so sehr mit der jüdischen Frage beschäftigt gewesen, dass man diese andere Rassen – frage wenig berücksichtigt hat und doch ist ihre Tragweite für die Zukunft in manchen Beziehungen viel größer. Suetonius berichtet, der Diktator Sulla habe einigen feiner Angehörigen, die den Cäsar als nicht mehr staatsgefährlich aus dem Exil zurückrufen wollten, gesagt: „In Cäsar werdet ihr mit vielen Marius zu tun haben.“ Ebenfalls sage ich dem festländischen Eiferer gegen die angeblichen Fortschritte des Judentums, der im Fortschritt des Angelsachsentums gar keine nennenswerte Gefahr erblickt, im Angelsachsen habt ihr zehn Juden auf dem Halse.
Die angelsächsische Rasse ist unter den arischen Völkern, ebenso wie die jüdische Rasse unter den semitischen, und zwar in ähnlicher Weise, eine stark ausgeprägte, die überall ihre Überlegenheit nach gewissen Richtungen hin an den Tag legt. Daher vielleicht die Vorliebe der Juden z. B. für England. Es gibt gar keine so fanatischen britischen Patrioten wie die eingewanderten Juden zweiter Generation. Selbstverständlich gibt es bedeutende Unterschiede in der Art und Weise der Äußerungen der Rassenstärke, aber häufig sind diese derart, dass sie die Gefahr von Seiten der Angelsachsen größer erscheinen lassen. Das kommt besonders in einem bestimmten Punkte zum Vorschein. Die Juden erhalten sich zwar als Rasse, sie behalten ihre herkömmlichen Gebräuche so fest wie möglich unter wechselnden Gesellschaftszuständen, absorbieren jedoch die Völker nicht, unter denen sie leben. In diesem Sinne dehnt sich das Judentum nicht aus, es bleibt eine konstante Größe. Ganz anders mit dem Angelsachsen; dieser, der ungleich dem Juden Staaten bildet, erhält sich nicht bloß, sondern breitet sich aus. Er besitzt die stark ausgeprägte Eigenschaft, andere Völker in sich zu verschmelzen und dadurch geht die Völkerindividualität der Betreffenden verloren. Die Juden bilden einen Bestandteil der Bevölkerung aller Kulturländer, das eigentümliche Nationalgepräge der Kultur jedes dieser Länder bleibt jedoch so gut wie unberührt von ihnen. Der Angelsachse dagegen siedelt sich wenig oder gar nicht in fremden Kulturländern an, dafür aber besitzt er Eigenschaften, die ihn vor allen anderen Völkern befähigen, sich unter wilden Volksstämmen niederzulassen, oder in öden Gegenden der Erde sich festzusetzen, mit einem Worte, er besitzt in unübertroffenem Maße die Kunst der Kolonisation. Dadurch hat er sich nach allen Seiten, und verbreitet sich noch (da man nicht behaupten kann, dass die Bewegung bis jetzt im Absteigen begriffen ist), das heißt verbreitet die Eigentümlichkeiten, das bestimmte Wesen, feiner Kultur über die ganze Erdoberfläche. Und nicht allein das. Wo der echte Angelsachse unter den Kulturvölkern einwandert, da kommt die Völkerindividualität der letzteren nicht nur nicht zur Geltung, sondern sie erlischt gänzlich. Seine unmittelbare Nachkommenschaft wird Angelsachsen. Beispiele deren liefern Großbritannien und englische Kolonien in Menge, jedoch vor Allem die Vereinigten Staaten Nordamerikas. Letzteres ist sogar das klassische Beispiel davon. In den Vereinigten Staaten werden alle einwandernden Völker, seien es Deutsche, Russen, Franzosen, Italiener, spätestens in der zweiten Generation verschlungen, verschlungen im Maelstrom des amerikanischen Angelsachsentun, Sie werden Amerikaner, d. h. sie nehmen die Sitten, die Eigenschaften, die Denkweise etc. des Angelsachsentums an und dabei wird, wie gesagt, ihre eigene Völkerindividualität verwischt. Dass dasselbe von dem anderen Zweig der angelsächsischen Rasse in gleichem Maßstabe gilt, ist leicht ersichtlich. Sogar die altfranzösische Bevölkerung Kanadas, die sich bis jetzt am zähesten erhalten hat, wird allem Anschein nach in kurzer Zeit vollständig anglisiert werden.
Nun behaupte ich, dass alles das ein Zustand ist, welcher zu Bedenken Anlass gibt. Man muss wohl berücksichtigen, dass diese ganz oder verhältnismäßig neu angesiedelten Länder wichtige Herde der zukünftigen menschlichen Entwicklung bilden werden. Ich möchte am allerwenigsten die großen Eigenschaften der angelsächsischen Rasse in Abrede stellen, aber es fragt sich immer noch, ob die Anglisierung eines großen Teiles der näheren Zukunftsmenschheit wicht wenigstens eine Vereinseitigung und Verflachung derselben mit sich führen wird. Jeder Volksstamm hat die Fehler feiner Tugenden. Dem englischen Chauvinisten ist es natürlich lieb, dass die englisch redenden Nationen die Welt erobern. Der vernünftig denkende Mensch aber sollte es wohl anerkennen, dass das Überwiegen irgendeines besonderen Volksstammes von Nachtheil sein wird, indem dadurch die schwachen und schlechten Eigenschaften des betreffenden Volksstammes auch mit zur Geltung kommen. Die Juden haben auch viele und große Eigenschaften, aber zu viel Judentum ist doch nicht zum Segen der Menschheit, soviel darf man wohl sagen, ohne als Antisemit betrachtet zu werden. Meinesteils finde ich kein großes Ergötzen daran, dass die Herrschaft der Welt zwischen zwei stark überlegenen Volksstämmen, wie z. B. Angelsachsen und Juden, verteilt werden sollte. Daher sehe ich nicht ungern, dass der überall hingreifenden Habgier der angelsächsischen Rasse Einhalt getan werden sollte. Diese Betrachtungen würden wahrscheinlich Genosse Kautsky als sentimental bezeichnen. Einem so hartgebackenen materialistischen Geschichtsauffasser wird alles Sentimentalität, das nicht direkt aus ökonomischen Gründen im engeren Sinne hergeleitet wird. Jedoch für diejenigen Leser der Neuen Zeit, die weniger streng in ihrer Auffassung, habe ich hier in ein paar kurzen Sätzen die betreffenden Betrachtungen unterbreitet. Damit soll die Sache vorläufig ihr Bewenden haben.
Nun sei es mit dem letzte berührten Punkte wie es auch wolle, jedenfalls glaube ich im vorliegenden Artikel hinreichende Gründe dargelegt zu haben, weshalb der Sozialdemokrat die Tatsache selbst, „dass man Wilde unterwirft und ihnen gegenüber das Recht der höheren Kultur geltend macht“, unter allen Umständen, gleichviel welchen, verurteilen soll, und nicht etwa, wie Herr Bernstein meint, sich höchstens damit begnügen dürfe, die „Methoden der Unterwerfung“, wie dies geschähe (was schließlich rein nebensächlich ist), zu kritisieren.
1. Bax unterlässt es leider, genauer anzugeben, gegen welchen Aufsatz Bernsteins er polemisiert. Aber so viel wir uns erinnern, können es nur folgende Ausführungen sein, gegen die er sich richtet. In dem Artikel: Die deutsche Sozialdemokratie und die türkischen Wirren, Die neue Zeit, XV, I, S. 109, jagt Bernstein u. A.: „Afrika beherbergt Stämme, die sich das Recht vindizieren, Sklavenhandel zu treiben, und nur durch die europäischen Kulturnationen daran verhindert werden können. Ihre Erhebungen gegen die letzteren lassen uns kühl, ja werden uns im gegebenen Falle zu Gegnern haben. Das Gleiche gilt von jenen barbarischen und halbbarbarischen Völkerschaften, die aus dem Überfall ackerbautreibender Nachbarvölker, vom Vieh, etc. Raub ein ständiges Gewerbe machen. Kulturfeindliche und kulturunfähige Völker haben keinen Anspruch auf unsere Sympathie, wo sie sich gegen die Kultur erheben. Mit einem Worte, so kritisch wir der erreichten Kultur gegenüberstehen, erkennen wir doch ihre relativen Errungenschaften an und machen sie zum Kriterium unserer Parteinahme. Wir werden bestimmte Methoden der Unterwerfung von Wilden verurteilen und bekämpfen, aber nicht, dass man Wilde unterwirft und ihnen gegenüber das Recht der höheren Kultur geltend macht.“ (Bernstein 1897, S. 109.)
Das scheint uns etwas ganz Anderes zu sein als das, was Bax Bernstein sagen lässt. Wir wären daher vielleicht im Recht gewesen, vorliegende Polemik einfach abzuweisen, da eine Diskussion, die auf der einen Seite vorwiegend in persönlichen Berichtigungen zu bestehen hat, nicht sehr fruchtbringend zu werden verspricht. Aber wir können uns nur schwer entschließen, einen gegen uns oder einen unserer ständigen Mitarbeiter gerichteten Arte griff zu unterdrücken.
Außerdem beruht der Gegensatz zwischen dem Baxschen und dem Bernsteinschen Standpunkt in dieser Frage nicht auf bloßen Missverständnissen, er ist ein wirklicher und tiefgehender, und die Klarlegung dieses Gegensatzes kann nur nützlich wirken. Die Redaktion [Karl Kautsky]
Zuletzt aktualisiert am 13. Oktober 2026